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ſchäftigt worden iſt, wird im günſtigſten Falle den Namen wiſſen und dieſe Auffaſſung unter anderen Apolloſtatuen vielleicht herausfinden. Aber man frage ihn, was denn Apollo thut, warum er dieſe Stellung, dieſen Geſichtsausdruck hat, was er in der Hand hält u. ſ. w., und man wird keine Antwort bekommen. Und doch würde für ihn gerade durch die Kenntnis dieſer Statue und ihres Zuſammen⸗ hanges mit den Gallierzügen eine Epoche Gehalt bekommen haben, die er ſonſt mit ein paar Zahlen aus der öden Diadochenzeit und dem vagen Begriff„Aufgehen des Griechentums im Römertum“ aus⸗ gefüllt hat.
Aber die Schwierigkeit liegt in der Frage, wie ſoll Kunſtgeſchichte gelehrt werden, und wo nimmt man die nötige Zeit dazu her?— Die einen, wie Menge ¹), neigen dazu, nur die antike Kunſt zu lehren. Andere, wie Brunn, wollen keinen eigentlichen Unterricht, ſondern nur die gelegentliche Unter⸗ weiſung eines archäologiſch und kunſthiſtoriſch gebildeten Philologen im ſprachlichen Unterricht.— Es iſt hier nicht der Raum dazu, dieſe Frage ausführlich zu erörtern. Nur auf einen Einwand Brunns ³) möchte ich eingehen.— Er begründet ſeine Ablehnung eines eigenen kunſthiſtoriſchen Unterrichts damit, daß er ſagt, er wolle nicht,„daß der Studierende von der Schule ein oberflächliches, halbes und weil verfrühtes, halbverſtandenes archäologiſches Wiſſen mitbringe“.—
Einmal iſt dagegen zu ſagen, was auch ſchon anderwärts angedeutet wurde ³), daß die Schüler der oberen Klaſſen durchaus im Stande ſind, kunſtgeſchichtlichen Auseinanderſetzungen zu folgen. Denn dieſe wenden ſich mehr an das Gemütsleben, das in einem Alter von 16—20 Jahren ſchon feſtere Geſtalt bekommen hat, als an die Erfahrung.
Wenn nun Brunn dem Unterricht den Vorwurf der Oberflächlichkeit macht, ſo geht das wohl darauf, daß natürlich die Kunſtgeſchichte nur mit Auswahl gelehrt werden kann. Aber mit demſelben Recht, wie man den Schüler in die Litteratur der Alten einführt, indem man ihm nur einzelne Bruch⸗ ſtücke von Schriftſtellern aus verſchiedenen Epochen vorlegt, ohne damit oberflächlich zu ſein, kann man auch die charakteriſtiſchen Stücke aus der Kunſtgeſchichte auswählen. Und warum ſollte man nicht, was nach Brunns Vorſchlag gelegentlich im Geſchichts⸗ und Sprachunterricht vorgebracht werden ſoll, zuſammenfaſſend in einem beſondern Unterricht lehren, wenn die Zeit dazu vorhanden iſt? Einmal wird das Verſtändnis doch ſicher ein größeres ſein, als wenn ſich die Vorſtellung des Schülers von der Kunſt der Alten z. B. nur aus zuſammenhangsloſen, gelegentlichen Unterweiſungen zuſammenſetzt. Dann aber werden die genannten Fächer, beſonders die Geſchichte, entlaſtet.
Und die Zeit iſt vorhanden. An ſehr vielen Gymnaſien ſind für einen facultativen Zeichenunter⸗ richt in Secunda und Prima 1 ½ bis 2 Stunden feſtgeſetzt. Nehmen wir nun an, daß ſich die Mehr⸗ zahl an dieſem Unterricht beteiligt, ſo iſt damit das facultative Verhältnis von ſelbſt in ein obligatoriſches verwandelt. An dem hieſigen Gymnaſium z. B. iſt die Zahl der Teilnehmer von 4 im Anfang auf 25 gewachſen. Wir würden alſo nur noch 1 Stunde für die Tertia mehr als bisher 4¹) in dem Lehrplan anzuſetzen haben, um dem, was vom Zeichenunterricht verlangt werden kann, gerecht zu werden.
Dieſer Unterricht in der Kunſtgeſchichte darf aber nicht blos in mündlicher Unterweiſung nach Ab⸗ bildungen und Modellen beſtehen, ſondern dieſe muß durch eine geſchickt und nach kunſthiſtoriſchen Ge⸗ ſichtspunkten getroffene Auswahl von Modellen, die der Schüler zeichnet, unterſtützt werden. Natürlich wird am Gymnaſium die antike Kunſt bevorzugt werden müſſen.
¹) R. Menge, der Kunſtunterricht am Gymnaſium, S. 12.
*) S. 17.
¹) Schlie, über Einführung der Kunſtgeſchichte in den Lehrplan des Gymnaſiums, S. 43, und Rein a. a. O. ⁴) Wie im Großherzogtum Baden.


