zeichnen läßt ¹u). Der Schwerpunkt dieſes Lehrganges liegt in dem Zergliedern. Man hat nun dieſes Zergliedern ſeit Peſtalozzi und Herbart in ein Syſtem gebracht, indem man eine Stufenfolge von Formen feſtſetzte, die ſich an allen Gegenſtänden in Natur und Kunſt leicht auffinden laſſen. Dieſes ABC der Anſchauung iſt von F. Flinzer zu acht concentriſchen Anſchauungskreiſen erweitert worden, von denen die 5 erſten die Fläche, die 3 letzten den Körper behandeln. Wir machen dieſe Flinzerſchen Anſchauungs⸗ kreiſe im Allgemeinen auch zur Grundlage des Lehrplanes am Gymnaſium in ſeinem erſten Teile. Da Alles, was dem Beobachtungsvermögen zugeführt wird, auch gezeichnet werden muß, ſo vollzieht ſich innerhalb dieſes Lehrplanes von ſelbſt eine Steigerung der Handfertigkeit.
Hand in Hand mit dieſer Steigerung des Beobachtungsvermögens geht nun die Pflege des äſthe⸗ tiſchen Sinnes. Während das erſtere ſyſtematiſch und grundlegend Sache der unteren und mittleren Klaſſen iſt, tritt das äſthetiſche Element für die oberen Klaſſen in den Vordergrund ²); das iſt jedoch nicht ſo zu verſtehen, daß letzteres in den erſten Schuljahren gänzlich unberückſichtigt bleiben ſollte. Der Schüler muß vielmehr ſchon von früh an durch Unterweiſung des Lehrers ein Gefühl dafür bekommen, was ſchön iſt, und was nicht anſpricht. Er muß bei jedem Modell, das ihm vorgeführt wird, gefragt werden, ob es ihn anſpricht oder nicht, namentlich im Vergleich zu anderen Zuſammenſtellungen, die er ſchon kennt, und es muß ihm klargelegt werden, worauf das Gefällige der Form beruht. Recht deutlich läßt ſich das z. B. ſchon in der Quinta zeigen. Man läßt nach Flinzerſcher Methode aus dem Kreis verſchiedene Arten von Ellipſen und Ovalen entſtehen, von denen einige bei unverhältnismäßiger Ver⸗ längerung der wagerechten Sehnen augenfällig an Schönheit anderen gegenüber verlieren.— Dann aber darf man den Schüler ſchon von früh an darauf aufmerkſam machen, wie gewiſſe Formen an ſich ſchon im Stande ſind, beſtimmte, eigenartige Gefühle in uns hervorzurufen; wie z. B. der Kreis als Bild harmoniſcher Zufriedenheit anders auf uns wirkt, wie der emporſtrebende Spitzbogen. Es ſoll hier nicht eine Lehre der Aeſthetik gegeben werden; ſondern es ſoll nur betont werden, daß der Schüler ſchon von früh an durch gelegentliche Unterweiſung daran gewöhnt werden muß, auch die Wirkung und den Gehalt der Form zu beachten..
Äſthetik wird man überhaupt nicht anders ſyſtematiſch lehren können, als indem man zeigt, wie die verſchiedenen Völker in verſchiedenen Perioden, dem dem Menſchen inſtinctiv innewohnenden Streben, die umgebende Welt zu verſchönern, gerecht geworden ſind, d. h. indem man Kunſtgeſchichte lehrt. Dieſer Unterrichtsgegenſtand gehört in das Gymnaſium und der Unterrichtende muß der Zeichenlehrer ſein ³²). Für die Einführung der Kunſtgeſchichte haben ſich die meiſten ausgeſprochen, die der Frage überhaupt näher getreten ſind. Auch Schiller verlangt für das Gymnaſium Einführung in die antike und in die deutſche Kunſt. Und in der That, wenn der Bildungswert der klaſſiſchen Sprachen, die am humaniſtiſchen Gymnaſium im Vordergrund ſtehen, in der Kenntnis der Ideenwelt der Griechen und Römer beſteht, ſo fragt man ſich erſtaunt, wie konnte man einen noch dazu für unſere moderne Ent⸗ wicklung ſo wichtigen Teil dieſer Welt am human. Gymnaſium ſo hintanſetzen, wie bisher geſchehen iſt? Kennt man denn die Ideenwelt der Alten, wenn man, wie das jetzt der Fall iſt, gar keine Vorſtellung von ihrer Kunſt hat? Man frage nur einmal einen Abiturienten z. B. nach einem ſo bekannten Kunſtwerk wie den Apollo von Belvedere, und er, der 9 Jahre lang mit Römer⸗ und Griechentum be⸗
¹) Dazu eignet ſich natürlich nicht jeder Gegenſtand.
²) ſ. Brunn, der damit übereinſtimmt, S. 15 a. a. O.
³) Rein, S. 84, legt dieſer Frage doch zu geringe Bedeutung bei. Das eigene Ausüben und Nachahmen ſpielt doch für den, der Kunſtgeſchichte lernen und lehren will, eine zu bedeutende Rolle, als daß man den Unterricht einfach einem nicht zeichneriſch ausgebildeten Geſchichtslehrer übertragen könnte. Und zweiffellos wird man leichter Zeichenlehrer finden, die auch in der Geſchichte bewandert ſind, als Geſchichtslehrer, die zeichnen können.(Schiller, Handbuch d. Päd. S. 595.)


