Aufsatz 
Der Zeichenunterricht am humanistischen Gymnasium und sein Verhältnis zu den übrigen Unterrichtsfächern / Adelbert Matthaei
Entstehung
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Linien müſſen ihm nur darum gegeben werden, damit es die Sachen richtig anſchaue, aber die Sachen müſſen ihm nicht genommen werden, damit es die Linien allein ſehe. Gegen dieſen wahren Grundſatz wird heute noch verſtoßen, ſelbſt von einer ſo bewährten Methodik wie der Flinzers. Die Hauptſchuld liegt daran, daß wir noch nicht die geeigneten körperlichen Modelle für den aufgeſtellten Lehrplan haben. Aber es muß der Lehrmittelinduſtrie, die eben im Erblühen iſt, ein leichtes ſein, ſie herzuſtellen. Eine Schwierigkeit entſteht zur Zeit eigentlich nur bei dem Penſum für Quinta, den krummen Linien; aber auch da läßt ſich durch Blattmodelle und geeignete Ornamente(z. B. die gotiſche Ranke) abhelfen. Auch in der Vorſchule darf nicht nach Vorzeichnungen des Lehrers gearbeitet werden, ſondern das Quadrat, die Senkrechte, die Wagerechte, müſſen vom Würfel, vom Fenſter, der Wandtafel, oder was ſich ſonſt bietet, abgezeichnet werden ¹).

Ebenſo wichtig und ebenſo oft vernachläſſigt, wie dieſer Grundſatz, ſcheint mir ein zweiter. Dem Schüler muß auf jeder Stufe einmal recht deutlich zum Bewußtſein gebracht werden, wie mangelhaft bislang ſein Beobachtungsvermögen war. Die Erfahrung lehrt, daß er ſich, wenn er recht draſtiſch den Mangel in ſeinem Können empfunden hat, mit viel regerem Eifer der Unterweiſung zuwendet. Es iſt das umſo notwendiger, als die Schüler auch heute noch, nachdem ſo viel aufklärende Schritte gethan ſind, aus der Familie oder beſſer von der älteren Generation das Vorurteil mitbringen, daß der Zeichen⸗ unterricht doch wohl nur eine mehr ſpielende, unterhaltende Beigabe des Unterrichts ſei. Dieſes Vor⸗ urteil wird am beſten durch die beſchämende Erkenntnis, einen ganz einfachen, wohlbekannten Gegenſtand ſchlechterdings mit dem Stift nicht wiedergeben zu können, beſeitigt. Man laſſe alſo von Zeit zu Zeit einen Gegenſtand, den der Schüler genau zu kennen meint, oder noch beſſer einen Gegenſtand, den er ſchon nach der Natur gezeichnet hat, aus dem Gedächtnis zeichnen.

Daß der Unterricht, ſo weit es geht, ein Maſſenunterricht ſein muß, darüber iſt die Mehrzahl der Fachgenoſſen eben ſo einig, wie darüber, daß der Maſſenunterricht in den oberen Klaſſen mehr und mehr hinter dem Einzelunterricht zurücktreten muß. Einer der vielen Gründe für das letztere iſt der folgende: Die Leiſtungen im Zeichenunterricht werden bei der Entſcheidung über das Aufrücken in eine höhere Klaſſe nicht entſcheidend in's Gewicht fallen kͤnnen. Man iſt alſo genötigt, auch diejenigen Schüler mit in die höhere Stufe hinüberzunehmen, welche die vorhergehende noch keineswegs genügend erfaßt haben. Die Zahl ſolcher Schüler wird naturgemäß wachſen, je höher die Anforderungen ſind. Daher wird man in den oberen Klaſſen nicht mehr im Stande ſein, ein Modell für alle aufzuſtellen; aber auch hier muß man beſtrebt ſein, möglichſt große Gruppen zu bilden. Außerdem ſind die von Flinzer anempfoh⸗ lenen Epiſoden feſtzuhalten. Die letzteren ſind von vornherein bei Schülern, die die Klaſſe repetieren, anzuwenden.

Was den Gang des Unterrichts angeht ²), ſo vollzieht er ſich in den drei Lernthätigkeiten des Anſchauens, Denkens und Anwendens.

Die erſte verlangt zur Weckung unwillkürlicher Aufmerkſamkeit Anknüpfung an das im Bewußtſein ſchon Vorhandene. Man fange alſo beim Vorſchüler, dem man den Begriff des Wagerechten und Senk⸗ rechten klar machen will, mit einem Hinweis etwa auf die Thätigkeit des Maurers an(Waſſerwage Senkblei). Von jedem Gegenſtand, der dem Schüler vorgeführt wird, muß zuerſt dargelegt werden, wozu er dient, was von ſeiner Geſchichte und Entſtehung wiſſenswert iſt. So bereitet man die Total⸗ auffaſſung vor.

*) In dieſem Sinne will Schiller S. 559 den geometriſchen Unterricht vom Körper ausgehen laſſen. ²) Es ſoll hier nicht jede einſchlägige Frage erörtert werden. Viele vortreffliche Winke für den Unterricht, wie ſie z. B. Flinzer gegeben hat, ſo das Ausgehen von der Mitte und zahlreiche Andere bleiben, als allgemein gültig, unerwähnt.