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in die Schule eingeführt haben 1). Das Auge muß gewöhnt werden, jedes Gebilde, das i „Blickfeld“ kommt, nach Grenze, Höhen⸗, Breiten⸗ und Tiefenausdehnung, nach Farbe, Licht Schatten ſchnell und vollſtändig und der Wahrheit gemäß dem Geiſte zu übermitteln. Dieſes Sehe muß zur Gewohnheit werden und wird für die Geſamtausbildung des Menſchen den Wert haben, das Apperceptionsvermögen und die unwillkürliche Aufmerkſamkeit zu ſteigern und ein inneres Sehen zu er⸗ möglichen.
Wir beabſichtigen aber auf der Schule nicht blos die Entwickelung des Geiſtes, ſondern auch die des Gemütslebens. Dem Zeichenunterricht fällt davon die Ausbildung äſthetiſcher Gefühle zu. Die Gefühle des Schönen oder Häßlichen kommen ausſchließlich durch Geſichts⸗ und Gehörvorſtellungen zu ſtande und zwar überwiegend durch erſtere. Das Gefühl des Schönen(reſp. Häßlichen) beruht auf dem Grade des Gegenſatzes und der Ahnlichkeit der einzelnen Glieder eines Gegenſtandes. Daraus entſteht die Harmonie oder Disharmonie des Gemüts, die wir eben das Gefühl des Schönen oder Häßlichen nennen ²). Das richtige Sehen, das Zergliedern und das ſcharfe Erfaſſen der Teile muß daher dem äſthetiſchen Sehen vorausgehen. Übertragen wir das Geſagte in die Praxis der Schule, ſo iſt es zum Beiſpiel ſchon möglich, in einem Sextaner das Gefühl des Schönen mit Bewußtſein entſtehen zu laſſen, wenn man ihm klar macht, warum eine regellos an die Tafel gezeichnete Linie unſchön, eine gerade Linie im Verhältnis dazu ſchön, und eine Spirale oder Schlangenlinie noch ſchöner iſt.
Wenn nun Rein ³) die Geſchmacksbildung als das oberſte Ziel des Zeichenunterrichts am Gym⸗ naſium hinſtellt, dem ſich die Bildung des Auges unterordne, ſo hat er damit Unrecht, und Flinzer und andere haben ſchon ihre Abneigung gegen dieſe Anſicht ausgeſprochen. Zwar kann man inſofern von einer Unterordnung reden, als die Bildung des Auges eine Vorbedingung für das äſthetiſche Sehen iſt. Aber trotzdem iſt es verkehrt, die Bildung des Geſchmacks zur oberſten Richtſchnur für den Unterricht zu nehmen und zwar aus mehr als einem Grunde. Wenn man beide Ziele, Bildung des Auges und Bildung des Geſchmackes, hinſichtlich ihres praktiſchen Wertes für die Vorbereitung der Schule auf's Leben vergleicht, ſo erſcheint das erſtere als das wichtigere und dringender notwendige. Es ließe ſich z. B. allenfalls denken(und Flinzer und andere ſcheinen dazu hinzuneigen), daß die Schule nur die Bildung des Auges erreicht und die ſyſtematiſche Bildung des Geſchmacks der Hochſchule oder dem Leben überläßt. Zweitens fehlt es bisher noch an einem exakten Lehrgang, was die Bildung des Geſchmacks anbetrifft, während für die Bildung des Auges ein ABC der Anſchauung vorhanden iſt.— Es verhält ſich damit etwa wie mit dem altſprachlichen Unterricht. Man kann als oberſtes Ziel dieſes Unterrichtszweiges mit Oskar Jäger„Die Kenntnis der Ideenwelt eines in der Menſchengeſchichte hervorragend wichtigen Volkes und Vergleichung dieſer Ideenwelt mit derjenigen der Gegenwart“ hinſtellen. Und doch wäre es verkehrt, hieraus die Richtſchnur für den altſprachlichen Unterricht von unten an nehmen zu wollen. Man wird den Lehrplan in Rückſicht auf die ſprachlichen Schwierigkeiten aufbauen, und dabei wird der ſachliche Gewinn von ſelbſt herausſpringen. So mag man auch den Lehrplan für den Zeichenunterricht vor⸗ wiegend in Rückſicht auf die Pflege des richtigen Sehens einrichten, und daraus mag die äſthetiſche Bildung ihre Rechnung finden.
Wenn von anderer Seite auch die Übung der Hand als Zweck des Zeichenunterrichts gleichwertig neben jene beiden oben genannten geſtellt wird, ſo kann ich das für das humaniſtiſche Gymnaſium nicht
¹) Comenius in der Vorrede zum orbis pictus:„Die Schüler ſollen dadurch(durch das Zeichnen) gewohnen, einem Ding recht nachzuſinnen und darauf ſcharff Achtung zu geben“.
²) Für die Schule bleibt es gleichgültig, ob man das Gefühl des Schönen wie oben, oder wie neuerdings geſchieht, aus rein phyſiſchen Vorgängen, der ungehemmten Bewegung des Sehmuskels, erklärt.
³) Rein. Schriften des deutſchen Einheits⸗Schulvereins H. V.„Der Zeichenunterricht in dem Gymnaſium“ S. 78 u. ff.
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