Aufsatz 
Der Zeichenunterricht am humanistischen Gymnasium und sein Verhältnis zu den übrigen Unterrichtsfächern / Adelbert Matthaei
Entstehung
Einzelbild herunterladen

2

darlegen, was bei ſo beſchränkter Zeit in möglichſter Annäherung an das Ideal des Zeichenunterrichts am Gymnaſium geleiſtet werden kann, und wie der Unterricht an hieſiger Anſtalt erteilt wird.

Fährt man auf dieſem Wege fort, d. h. wird in Programmen und Aufſätzen aus der Praxis heraus gezeigt, wie die gegebene Zeit beſſer als bisher verwertet werden kann, wie die übrigen Unterrichtsfächer Vorteil aus dem Zeichenunterricht ziehen, und dieſer aus jenen, ſo wird auch die Behörde berechtigten Wünſchen und einer vielleicht nur geringen Änderung des Lehrplans entgegenzukommen geneigter ſein, als wenn ſie ſich einer Bewegung gegenüber ſieht, die Theorieen aufſtellt, bei deren Verwirklichung der geſamte Lehrplan des Gymnaſiums über den Haufen geworfen werden würde ¹). Nicht darauf kann es ankommen, die Schüler des ohnehin ſchon genug angefeindeten humaniſtiſchen Gymnaſiums mit einem gewiſſermaßen ganz neuen Lehrgegenſtand zu belaſten, ſondern darin liegt die Kunſt zu zeigen, wie die gewährte Zeit zweckdienlicher verwandt werden kann.

Indeſſen auch wir können den Gegenſatz zwiſchen Ideal und Wirklichkeit nicht unberückſichtigt laſſen. Es muß geſagt werden, wie der Unterricht am Gymnaſium erteilt werden müßte, wenn er ſein Ziel erreichen ſollte. Es muß das Ideal geſchildert werden, um dann zeigen zu können, in welcher Weiſe wir uns bei beſchränkter Stundenzahl ihm nähern. Das iſt um ſo notwendiger, als die Grund⸗ ſätze über Zweck, Lehrplan und Lehrart des Zeichenunterrichts für das Gymnaſium noch nicht ſo geklärt ſind ²), daß man einfach auf eine feſtſtehende und bewährte Methode verweiſen könnte.

J.

1) Zweck und Berechtigung des Zeichenunterrichts am humaniſtiſchen Gymnaſium.

Als Zweck des Zeichenunterrichts am Gymnaſium vermag ich einzig und allein die Pflege des be⸗

wußten Sehens zu bezeichnen. Dieſes bewußte Sehen muß in zwei Richtungen geübt werden: 1) Der Schüler muß richtig ſehen lernen. 2) Der Schüler muß mit Genuß(iſthetiſch) ſehen lernen.

Da rechteGeiſtesbildung auf der Übung und dem zweckmäßigen Gebrauch der Sinne beruht ³) und da von allen Sinnen der Geſichtsſinn uns bei weitem die meiſten Wahrnehmungen übermittelt ¹), ſo iſt es klar, daß der Geſichtsſinn auf der Schule geübt werden muß. Dieſe Erkenntnis iſt wohl, wenn auch nicht ſo klar empfunden, wie jetzt, ſchon für die Männer maßgebend geweſen, die zuerſt das Zeichnen

¹) Die Regierungen können einer Änderung des Zeichenunterrichtes im großen Stile ſchon aus dem Grunde vor der Hand nicht näher treten, weil die nötigen Lehrer beſonders für den Z.⸗U. am Gymnaſium fehlen. Es wird allgemein verlangt und auch als richtig anerkannt, daß der Z.⸗U. nicht, wie oft bisher, darin beſtehen ſoll, eine etwa vorhandene künſt⸗ leriſche Begabung auszubilden, ſondern er ſoll ein Glied ſin der Kette allgemeiner Erziehungsmittel bilden. Nun iſt aber die überwiegende Mehrzahl der gegenwärtigen Zeichenlehrer ſaus der alten Schule hervorgegangen. Sie haben während ihrer eigenen Ausbildung zum Zeichenlehrer den Zeichenunterricht gar nicht als allgemeines Erziehungsmittel kennen gelernt, ſondern vielmehr als eine zum großen Teile praktiſchen Zwecken dienende Kunſttätigkeit, zu der ſie ſelbſt nur in Folge be⸗ ſonderer künſtleriſcher Begabung gekommen ſind. Man müßte alſo erſt der Lehrerbildungsfrage näher treten und auch dem academiſch gebildeten Lehrer die Möglichkeit auf der Univerſität bieten, ſich für den Zeichenunterricht vorbereiten zu können. Vgl. auch H. von Brunn S. 15, deſſen Forderung ich nicht blos für den Lehrer der Mathematik gelten laſſen möchte. Schon Gedicke hatte dieſe Idee. Er wollte in ſeinem pädagogiſchen Seminar einenZeichenmeiſter einführen für diejenigen, welche Lehrer werden ſollten.

²) Die dritte Jahresverſammlung des deutſchen Einheitsſchulvereins(Jena 24. April 89) konnte ſich noch nicht einmal über den Zweck des Z.⸗U. einigen.

³) Schiller, Handbuch d. Päd. S. 84.

4⁴) Von allen Sinneswahrnehmungen kommen vielleicht%¾ auf den Geſichtsſinn.