Aufsatz 
Konzentration des sprachlich-historischen und geographischen Unterrichts in der Unter-Tertia / Ludwig Hüter
Entstehung
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ihres eigentlichen Volkscharakters eine totale Umwandlung, wie ſie der Schüler bei den romaniſchen Völkern, hauptſächlich an Gallien ſieht, das z. B. ſeine Sprache in dem Maße von den römiſchen Anſied⸗ lern empfangen hat, daß die urſprüngliche der Kelten nur in den ſpärlichſten Reſten erhalten iſt ¹). Was helfen alle Einfuhrverbote? Der freie Germane wird gar bald als Nachbar des Römers von dieſem in ſeinen ſteigenden Bedürfniſſen abhängig. Grundſatz: der Handel nähert die Völker einander mit unabwehrbarer Gewalt(ſelbſt der Abſchluß Chinas wird gebrochen, wie der Schüler im Geographieunterrichte erfährt). Der fremde Händler holt ſich aus den Dörfern der Deutſchen die Hörner des Urs, Geweihe, Pelzwerk, unter Umſtänden Bernſtein, ſogar Menſchenhaare(Freytag, a. a. O. I. 68); er bringt manches Nötige, z. B. Eiſengerät, zahlreiche Luxuswaaren, wahrſcheinlich oft Tand. Der Schüler lernt hier die älteſte Form des Handels kennen, den Tauſchhandel, der ihm auch in ſeiner kindlichen Welt nicht unbekannt iſt(Briefmarken), und von dem er ſchon oft, bei Erwäh⸗ nung der Phönikier, in amerikaniſchen und afrikaniſchen Reiſebeſchreibungen und ſonſt, gehört hat. Er merkt leicht, welche Unbequemlichkeiten dieſer Handel mit ſich bringt, und findet ſelbſt auf die Frage: warum hat man das Geld eingeführt? die richtige Antwort: Um Erleichterung des Verkehrs zu bewirken durch die Handlichkeit eines allgemein anerkanntenVertreters der wahren Güter ²). Er begreift zugleich, daß Vorausſetzung des Geldverkehrs Anerkennung des Geldes von ſeiten der am Handel Betei⸗ ligten iſt; erinnert man ihn an das eiſerne Geld der Spartaner, ſo ſieht er dieſe Forderung verletzt; dieſes Geld iſt für die Außenwelt kein Geld; es fehlt ihm der Wert und die Handlichkeit: Der Zweck der ſpartaniſchen Einrichtung, Verſchärfung des Abſchluſſes nach Außen, iſt erreicht(ſchlechtes Geld, Bedeutung der Prägung ꝛc.). Auch dem Germanen werden bald dieguten römiſchen Goldſtücke wertvoll; er ſieht, welch einen Schatz er in der kleinen, unſcheinbaren Münze, die ihm der Kaufmann bietet, beſitzt, wenn er einmal in die Römerſtadt am Rheine oder an der Donau kommt, und er begreift unbewußt ſeine Bedeutung. Der Tauſchhandel iſt die älteſte Form der Ein⸗ und Ausfuhrz dieſe Begriffe werden an dem Grenzverkehre der Römer und Germanen entwickelt, die einfachſten Formen des Handelsbetriebs aufgedeckt(Reiſen, Sprachkenntnis, Riſiko, Gewinn),, richtige Vorſtellungen über die wirtſchaftlichen Beziehungen der Länder zu einander geſchaffen, die Notwendigkeit ſolcher Beziehungen gezeigt, die Abhängigkeit des einen Landes von dem anderen in wirtſchaftlicher Hinſicht betont, und der Handel als vornehmſter Kulturträger hingeſtellt.

Auch das Kulturbild, welches im Laufe der mittelalterlichen Geſchichte von der Entwicklung der Städte entworfen werden ſoll, muß vornehmlich den Handel berückſichtigen; er macht die Städte reich. Der Schüler lernt die Stadt als römiſches Lager am Rheine und an der Donau kennen, als burgartige Zufluchtsſtätte gegen einbrechende Feinde unter Heinrich I., als Biſchofsſitz unter den ſächſiſchen Kaiſern, als treue Anhängerin des Königtums ſchon von Heinrich IV. an, nach ſchwerem Streite im Innern im Kampfe mit dem Adel und den Rittern(Städtebünde) u. ſ. f., und immer bekommt ſie ihre Bedeu⸗ tung als Handelsmittelpunkt. Auf die Vorrechte der Städte, Märkte abzuhalten ꝛc., muß beſonders hingewieſen werden. Der Handel mit dem Oſten wählt 3 Wege, den Landweg durch Rußland(Städte des Deutſchritterordens: Danzig, Königsberg, Thorn, Marienburg u. a.; die Leipziger Meſſe), die uralte Donauſtraße(Wien), und, durch die Kreuzzüge unendlich gefördert, das Mittelmeer(Venedigs Blüte: Verkehr mit den ſüddeutſchen Städten, Notwendigkeit des bewaffneten Schutzes der Handels⸗ züge, deutſches Waarenhaus in Venedig, italieniſche Sprache im Geſchäftsleben: brutto, netto, Lom⸗

¹) Die That des Arminius gewinnt unter dieſem Geſichtspunkte erſt ihre rechte Bedeutung; denn dadurch, daß ſie die politiſche Eroberung des Landes durch die Römer verhindert, verlangſamt ſie die unvermeidliche Verbreitung der römiſchen Kultur.

²)erdacht, um ſie, die großen, plumpen nicht allerorts mitführen zu müſſen, A. Stifter.