Aufsatz 
Konzentration des sprachlich-historischen und geographischen Unterrichts in der Unter-Tertia / Ludwig Hüter
Entstehung
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lebhaften Naturgefühls; die Sehnſucht nach paradieſiſchen Zuſtänden drückt ſich auch in dem Verlangen nach ſolchen Naturfreuden aus, welche grade dem Araber ewig verſagt ſind; er, der auf trockenem Sande lebt und unter brennendem Himmel, wünſcht ſich des bosquets de verdure incessamment rafraichis par des fontaines et des rivières qui ne tarissent jamais. So kann ſich gleichſam durch Hörenſagen ein reges Naturgefühl entwickeln, ein unbewußtes Verſtändnis für fremde, unbekannte, nur in der Phan⸗ taſie vorgeſtellte Naturſchönheiten. Wir dürfen annehmen, daß die in jedem rege Sehnſucht, fremde Naturſchönheiten ſelbſt zu genießen, welche die Phantaſie im Gegenſatze zu den Reizen der eigenen Heimat infolge von Erzählung und Lektüre ſchon dem unerwachſenen Kinde vorgezaubert hat, in unſerer Zeit bei den meiſten Menſchen, wenn ſie erwachſen ſind, mehr oder weniger einmal durch Reiſen geſtillt wird; da entſteht nun dem Unterrichte die Aufgabe, richtiges Sehen(Erfaſſung des Geſamteindrucks, plan⸗ mäßiges Fortſchreiten im Betrachten der Einzelteile, endliches Bewußtwerden der Schönheit, die in der harmoniſchen Anordnung der Natur liegt) von früh auf zu lehren, vgl. die intereſſanten Ausführungen Fricks(L. P. XIII, 1 25):Bemerkungen über Art und Kunſt des Sehens; in dieſer Beziehung kann namentlich auch ein verſtändiger Zeichenunterricht in fruchtbare Beziehung zum übrigen Unterichte treten. Wird die im naturwiſſenſchaftlichen Unterrichte betrachtete Pflanze in der Zeichenſtunde darzu⸗ ſtellen verſucht(oder auch nur ein Blatt derſelben), und zwar immer ſo, daß mandas Verhalten der Teile zum Ganzen und umgekehrt(Schiller, H. d. P. S. 215) zu klarer Auffaſſung bringt und den Schülern zugleich dieEinſicht gewährt,worin die angenehme Wirkung auf den Beſchauer beſteht, ſo hat man hiermit überhaupt ein verſtändiges Genießen der Naturſchonheiten gefördert, und das haben wir doch wohl unter dem Naturgefühl zu verſtehen, welches wir in der Jugend wecken wollen ¹). Nicht unweſentlich erſcheint es, auch in der Cäſarlektüre, ſo oft ſich die Gelegenheit bietet, auf den landſchaftlichen Hintergrund näher einzugehen; dadurch bildet ſich einmal das ethiſche Intereſſe des Schülers überhaupt, hier in der Form des Naturgefühls, dann iſt ein feſtes landſchaftliches Bild oft zum Verſtändniſſe der Erzählung unerläßlich; ein lehrreiches Beiſpiel bildet die Nervierſchlacht, deren Entwicklung und Verlauf ohne die Einprägung des II, 17, 18 geſchilderten Charakters der Landſchaft unverſtändlich bleibt.

über den Wert der Perſönlichkeit ſiehe die ſchöne Auseinanderſetzung von Meier(L. P. XIV, 22). Das Gefühl hierfür zu pflegen, iſt eine Hauptaufgabe einer Zeit, in welcher einzelne Richtungen mehr wie je mit der dunkeln Arbeit beſchäftigt ſind,die perſönliche Größe und Bedeutung in den Urbrei der allgemeinen Gleichheit aufzulöſen(Meier, a. a. O.; vgl. auch Schiller unterUnbeſcheiden⸗ heit, H. d. pr. P. S. 118). Zu dieſem Zwecke ſcheuen wir vor einem vernünftigenKultus der Per⸗ ſönlichkeit nicht zurück, und es kann nur empfohlen ſein, auch in der UIII den Geſchichtsunterricht biographiſch zu geſtalten(Vorführung der Einzelperſönlichkeiten(Frick, L. P. XI, 21], in denen das Typiſche aufzuſuchen iſt), d. h. die Bedeutung der großen Männer unſerer Geſchichte leuchtend hervor⸗

¹) Zur Stütze des mit dem Geſchichtsunterrichte verbundenen Zweckes, Einblick in die Kulturgeſchichte zu gewähren, kann in den Tertien das Zeichnen der einfachſten romaniſchen und gotiſchen Bauformen dienen(alſo etwa ein Bogen mit den entſprechenden, einfachen Ornamenten) in möglichſt ſcharfer Hervorhebung ihrer Unterſchiede, wobei der Zeichenunterricht den Hauptwert auf die Wirkung des äſthetiſchen Intereſſes legen mag; hierbei bietet ſich direkter Anſchluß an die Geſchichte; denn dem Schüler werden ſowohl Abbildungen des Kaiſerhauſes in Goslar, der Ruinen der Barbaroſſapfalz in Gelnhauſen, des Speirer Doms, als auch des Kölner Doms, der Nürnberger Kirchen u. ſ. w. gezeigt. In dem Zeichenunterrichte der hieſigen Anſtalt werden ſpeziell in den Tertien(darunde Körper das Penſum bilden) die Säulenordnungen(ioniſch, doriſch, korinthiſch) am Bilde des Theaters(Die Kraniche des Ibykus) erklärt und gezeichnet; ferner die gotiſche und romaniſche Kirche(Kloſtergewölbe) nach Modellen; endlich gehört in das Penſum der Tertien das Zeichnen von scutum, galea, pilum, gladius etc. nach Modellen, die aus Mainz ſtammen. Die Anknüpfung des Zeichenunterrichts an die Naturgeſchichte iſt mehr Sache von VI und V.