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angewandt werden und als Unterrichtsprinzip alle Zweige durchdringen“(Meier, a. a. O. S. 31).— Wir wolleu hier nur die Cäſarlektüre hervorheben. Soll auf der höchſten Stufe des Unterrichts einer⸗ ſeits die Vaterlandsliebe lebendiges ſittliches Gefühl geworden ſein, andererſeits auch eine „begriffliche Erörterung dieſes Gefühles, der daraus ſich ergebenden Pflichten u. ſ. w.“ eintreten, ſo darf man ſich auf keiner der unteren Stufen irgendwelche Gelegenheit entgehen laſſen, die Anſchauungen der Schüler in dieſer Richtung zu wecken und zu befeſtigen; iſt aber der Kontraſt das ſicherſte Mittel, die Erkenntnis der Eigenart unſeres Weſens zu fördern, ſo fällt dem Cäſarunterrichte die anziehende Aufgabe zu, die Züge ſorgfältig zu ſammeln und zu verwerten, welche die Eigenart des uns beſonders gegenſätzlichen Volkes ſchildern; je ſchärfer wir die loblichen und tadelnswerten Eigen⸗ ſchaften der Gallier erfaſſen, die ſich in ſo überraſchender Weiſe bei ihren heutigen Nachkommen wieder⸗ finden, deſto klarer wird uns die ganze Stammesart der Gallier— Franzoſen vor Augen treten, und deſto wirkſamer wird ſich natürlich in uns ein lebendiges Bewußtſein unſerer Eigenart befeſtigen und ein kräftiges Gefühl für die Pflichten ſtärken, die uns hieraus gegen das Vaterland erwachſen.— Der Unterricht der OIII hat freilich hier zuſammenzufaſſen und abzuſchließen; wie könnte man aber in der UIII Caesar, b. g. VI, 20 vorbeigehen laſſen, ohne bei dem Satze: saepe homines temerarios atque impe- ritos falsis rumoribus terreri et ad facinus impelli et de summis rebus consilium capere cognitum est auf die falsi rumores hinzuweiſen, denen der leichtgläubige Franzoſe heute noch gerade ſo gut, wie damals zum Opfer fällt, ſelbſt wenn es ſich wieder darum handelt de summis rebus consilium capere! wie ſollte ſich der Lehrer es verſagen, bei der Lektüre von II, 1 auf das alte Erbteil der Franzoſen mobilitas und levitas animi(Wankelmut und Leichtſinn) aufmerkſam zu machen und ihre daraus folgende Neigung, novis imperiis studere(Regierungsumwälzungen herbeizuführen), aus der Geſchichte des letzten Jahrhunderts zu beweiſen! ¹)
Naturgefühl. Die Weckung desſelben fällt hauptſächlich dem naturwiſſenſchaftlichen Unterrichte zu(Schiller, H. d. pr. P. S. 570); an der Vertiefung dieſes Gefühls muß ſich in hervorragendem Maße der deutſche Unterricht beteiligen, indem die Lektüre von Proſaſtücken teils direkt naturgeſchichtliche Beſchreibungen und Schilderungen liefert(vgl. Maſius, II, St. 45„Die weiße Kreide“, St. 48„Der Löwe“ u. a.), teils landſchaftliche Bilder darbietet, in denen je nach Bedürfnis bald der Menſch und ſein Wohnſitz(zur Pflege des kulturhiſtoriſchen Intereſſes z. B.„Ein weſtfäliſcher Oberhof“, woran ſich u. A. die ſtarre Eigenart des ſächſiſchen Volksſtammes trefflich entwickeln läßt), bald die Tierwelt(„Auf dem Marannon“), bald die Flora(„Auf dem Marannon“, St. 69„Holzſchlag im Böhmerwald“ u. a.) und ſchließlich auch einmal die Mineralien(„Nebelhöhle“) in den Vordergrund gezogen werden können. Beſonders geeignet ſind auch die Gedichte, um die Phantaſie zur Erzeugung landſchaftlicher Bilder in Thätigkeit zu ſetzen; die Handlung ſoll ſich vor den Augen des Schülers auf einem landſchaftlichen Hintergrunde aufbauen, deſſen Bild in dem fortſchreitenden Laufe der Betrachtung immer neue Farben erhält; vgl. die Ovidlektüre und die deutſchen Aufſätze!— Durch fortgeſetzte Thätigkeit in dieſer Hinſicht gewinnt der Schüler allmählich eine tiefere Anſicht von der Innigkeit der Beziehungen zwiſchen Natur und Menſchengeſchick, von dem„engen Zuſammenhange zwiſchen den Naturverhältniſſen und der geſchichtlichen Entwickelung“(Schiller, H. d. pr. P. S. 197). Die Lektüre des franzöſiſchen Leſeſtückes Mahomet(ſ.„Franzöſiſch“) wird dem Schüler Einblick gewähren in ein eigenartiges, neues Motiv eines
¹) Selbſtverſtändlich dürfen dem Schüler die guten und edlen Seiten des galliſchen Charakters nicht unbekannt bleiben; namentlich die Geſtalt des Vercingetorix wird ſpäter den Anlaß geben, das hochgeſpannte Ehrgefühl und die kühne Tapferkeit(Elan) der Franzoſen in helles Licht zu ſetzen, ſowie dem heldenmütigen Kampfe des ritterlichen Volkes um ſeine untergehende Freiheit gerechte Anerkennung widerfahren zu laſſen.


