Aufsatz 
Konzentration des sprachlich-historischen und geographischen Unterrichts in der Unter-Tertia / Ludwig Hüter
Entstehung
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jeder Stunde etliche Minuten oder auch nach Bedürfnis und Zweckmäßigkeit einmal in einem Monat etwa eine ganze Stunde erforderlich ſein, um die Thätigkeit der Schüler in dieſer Hinſicht zu prüfen. Hauptſächlich wird man dabei auf Stärkung des Urteilsvermögens hinarbeiten müſſen; denn der Haupt⸗ fehler wird immer die größere oder geringere Unfähigkeit des Schülers bleiben, das Weſentliche von dem Unweſentlichen zu ſcheiden. In ähnlicher Weiſe kann die Benutzung der Bibliothek für den geographiſchen und naturwiſſenſchaftlichen Unterricht fruchtbar gemacht werden, ebenſo wie ſie natürlich, wie alle plan⸗ mäßige Lektüre, für den geſamten deutſchen Unterricht höchſt förderlich iſt. Endlich hat eine derartige Einrichtung inſofern einen hohen erzieheriſchen Wert, als ſie den Schüler in einem Alter, wo ſein erwachender Leſedurſt ihn vielfach zu gedankenloſer Vielleſerei verleitet und allzu oft einer bedenklich und einſeitig die Phantaſie anreizenden Lektüre, z. B. den ſog. Indianergeſchichten ¹), zuführt, in richtigem Sinne leſen lehrt, d. h. auf das Weſentliche zu achten und beim Leſen zu denken zwingt.

In der Quinta werden unter Benutzung der vorzüglichen Darlegungen von Frick(L. P. II, 98 ff.) individuelle Bilder deutſcher Geſchichte erzeugt, welche ſich eng an unſere Landſchaft(Gießen und ſeine Umgebung) anſchließen und, den Geſchichtsunterricht der Unter⸗Tertia vorbereitend, dieſem zum größten Nutzen gereichen. Von unſeren Abiturienten muß man füglich verlangen, daß ſie Frankfurt a. M. als Krönungsſtadt, den Römer u. ſ. w. kennen gelernt haben, ſowie für Tacitus den Pfahlgraben und die Saalburg. Welche hiſtoriſche Excurſionen fallen nun der Tertia zu, um durchAutopſie und Erfahrungden geſchichtlichen Sinn zu bilden?(Heimatsgefühl). Gleiberg, Burgruine 1 St. v. Gießen: Ritterburg(Vorwerke, Umfaſſungsmauern, Bergfried, Wachttürmchen, Pallas, Kapelle ꝛc.). Geſchichte der Burg, reſp. ihrer Herren, ſoweit ſie eine Rolle in der großen deutſchen Geſchichte ſpielen: Otto der Salier, der Gründer der Burg, der Bruder König Konrads I. und Herzog Eberhards von Franken ungefähr 905; die Kaiſerin Kunigunde, Gemahlin Heinrichs II., die Schweſter des Grafen Friedrich I. von Gleiberg; Graf Hermann von Gleiberg entſcheidet Heinrichs IV. Sieg bei Hohenburg a. d. Unſtrut 1075 über die Sachſen und erhält 1103 die inzwiſchen von des Kaiſers Sohn Heinrich V. eroberte Burg Gleiberg zu alleinigem Beſitze(in den Urkunden comes de Glizberg), ꝛc. Das von der Gräfin Clementia von Gleiberg auf dem Schiffenberg, 1 St. v. Gießen, gegründete Auguſtinerkloſter wird ſpäter dem deutſchen Ritterorden in Marburg übergeben; eine Burg wirdzu den Gieſen an der Lahn ungefähr 1130 zum Schutze für den Weg von Gleiberg nach Schiffenberg erbaut; derHeidenturm noch erhalten. Amoeneburg(Burg an der Amana, Ohm), 7 St. von Gießen: Bonifatius erbaut hier 722 eine Kapelle. Marburg: Die heilige Eliſabeth(Eliſabethen⸗ kirche), der Ketzerrichter Konrad von Marburg, 1527 erſte proteſtantiſche Univerſität, von Philipp dem Großmütigen gegründet, 1529 das Marburger Religionsgeſpräch. Grünberg, Städtchen 4 ½ St. v. Gießen: Die alteBurg mitBurggraben, erbaut 1186 von dem Landgrafen Ludwig von Thüringen gegen den Erzbiſchof Konrad von Mainz(Fehde), an der höchſten Stelle iſt der Kern des Städtchens; dieſes wird 1276 auf Gallustag von dem Landgrafen Heinrich dem Kinde mit eigenem Gerichte und anderen Vorrechten ausgerüſtet: ſtädtiſches Privileg iſt allwöchentlicher Samstagsmarkt und der zwei⸗ tägige, noch jetzt gefeierte Gallusmarkt im Oktober. Mitglied des rheiniſchen Städtebundes ſeit 1255. Kämpfe mit den(Raub⸗)Grafen der Umgegend, daher in halbſtündiger Entfernung auf kahler Höhe ein Wartturm, Stadtmauer mit Diebsturm; vor der Stadt ein freier mit Bäumen bepflanzter Platz, die ſog.Dingſtühl die alte Gerichtsſtätte(Offentlichkeit und Mündlichkeit der Rechtspflege unter der Linde, vgl. das typiſche Bild des germaniſchen Gaugerichtes Caes. VI, 23: principes regionum et

¹) Damit ſoll natürlich nicht behauptet werden, daß nicht die beſſeren Romane dieſer Gattung, die von Cooper u. a., in einer paſſenden Bearbeitung für die Jugend einen guten Einfluß auf Verſtandes⸗ und Gemütsbildung haben können.