15 mir, Saite nicht, noch Schaft“; Erklärung des Ausdruckes:„die Saiten ſchlagen“, der„Schlagring“ der Zither wird dem Schüler am eheſten bekannt ſein).— Der Betrachtung des Gedichtes„Die Teilung der Erde“, welches in einem allegoriſchen Märchen das eigentliche Weſen des Sängers und Dichters, ſeine Stellung als prophetiſcher Vermittler(vates) zwiſchen Gott und der Menſchheit ſchildert, geht eine Zuſammenfaſſung der aus der Behandlung der übrigen Gedichte erzielten Reſultate voraus, die hier ſkizziert werden ſoll.
1) Die Perſon des Sängers. a) anſpruchslos: Belohnung— ein Fichtenkranz, ein Becher Weins, die Roſe der Königin; Geſangesluſt iſt Geſangeslohn, vgl.„das Lied, das aus der Kehle dringt, ꝛc.“, b) freiheitsliebend: er verlangt eine unabhängige Stellung und ſcheut ein Dienſtverhältnis, vgl.„Der Sänger“ und„Bertran de Born“.— Dieſe Eigenſchaften machen ihn a) zum„Götterfreund“, vgl. „Die Kraniche des Ibykus“,„Des Sängers Fluch“(der Fluch wird von Gott erhört und an dem Könige und ſeinem Schloſſe vollzogen,„der Alte hat's gerufen, der Himmel hat's gehört“),„Der Graf von Habsburg“(der Segenswunſch des Sängers, der ſich hier, ebenſo wie der„Alte“ in„Des Sängers Fluch“ als richtiger vates erweiſt:„So mögen ſie, rief er begeiſtert aus, ꝛc.“ geht in Erfüllung); b) zum Freunde edler Fürſten und aller guten Menſchen, vgl. Ibykus, Bertran de Born, den Sänger in Goethes Gedicht, den Sänger, welchen Rudolf von Habsburg mit ſchmeichelhaft gnädiger Anrede auszeichnet, den jungen Sänger, welcher die Königin zu Thränen rührt.— 2) Die Macht des Geſanges. „Die Kraniche des Ibykus“: a) des Ibykus auf den Gaſtfreund, das Volk, b) des Chores der Eume⸗ niden auf das Volk, die Mörder;„Bertran de Born“: auf die Tochter, den Sohn, den Vater;„Des Sängers Fluch“: auf die Höflingsſchar, des Königs trotz'ge Krieger, die Königin;„Der Sänger“: auf die Ritter, die Schönen, den König;„Der Graf von Habsburg“: auf den Grafen.— 3) Der Stoff, von welchem die Wirkung des Geſanges abhängig iſt: der Sänger muß ſingen a)„von allem Süßen, was Menſchenbruſt durchbebt“(„von Lenz und Liebe, von ſel'ger, goldner Zeit“;„der Sänger ſingt von der Minne Sold“; in„Bertran de Born“ verwandelt der Troubadour durch ſein Trauerlied den zornigen Hohn des Königs, der auch einen Hauch des Sängergeiſtes verſpürt, in die verſöhnliche, gerührte Stimmung der Trauer); b)„von allem Hohen, was Menſchenherz erhebt“(„von Freiheit, Männerwürde, von Treu und Heiligkeit“;„er preiſet das Höchſte, das Beſte, was das Herz ſich wünſcht, was der Sinn begehrt“). Vgl. ferner die Wirkung des Liedes des Goetheſchen Sängers:„die Ritter ſchauten mutig drein, und in den Schoß die Schönen“; der Schüler muß die Frage beantworten: Worüber hat der Sänger geſungen?— 4) Die Aufgabe des Sängers iſt es demnach, a) in den Hörern gute, edle, ſüße Empfindungen,„der dunkeln Gefühle Gewalt, die im Herzen wunderbar ſchliefen“, zu wecken, b) die Hörer„mit göttlich erhabenen Lehren“ zu ſittlicher, eines freien Mannes würdiger Lebensführung und zu edlen Thaten zu begeiſtern.— Dazu kommen die Luſtempfindungen, welche die Muſik an ſich bereitet, vgl.„der Lieder ſüßen Mund“,„den Bringer der Luſt, der mit ſüßem Klang mir bewege die Bruſt“,„Süßer Wohllaut ſchläft in der Saiten Gold“.— 5) Der Lohn. Der Lohn einer jeden guten That liegt in ihr ſelbſt, in der Befriedigung, welche man in der Folge empfindet (Erinnerung an„Das Lied vom braven Manne“:„Doch that er's wohl um Goldesklang?“). Daher verſchmäht der Sänger Vorteil und Reichtum(p„die goldne Kette“, die ihm eine Laſt iſt, weil ſie ſeine Abhängig⸗ keit bedeuten würde) und legt überhaupt minderen Wert auf alle materiellen Lebensbedürfniſſe. Unterſchied zwiſchen poetiſcher und proſaiſcher Lebensauffaſſung; Frage nach den eigentlichen Gütern des Lebens. Wenn derjenige„praktiſch“ genannt wird, der ſich ins Leben wohl zu ſchicken weiß(gute Eigenſchaft!), vielleicht aber oft eine zu ſchlaue, allzu berechnete Lebensführung zeigt(tadelnswerte Eigenſchaft!), ſo kann man den Poeten öfters„unpraktiſch“ nennen; woran denkt er aber, wenn er die Bedürfniſſe des Lebens vergißt? Die Antwort liefert„Die Teilung der Erde“.


