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auch ſchon der Tertianer die dadurch zugleich bewirkte und beabſichtigte feinere Nüa nzierung des Begriffes und des Gedankens erkennen, z. B. VI, 364 filia Coei, weil jetzt in der Göttin der Titanen⸗ ſtolz erwacht.— Unter Feſthaltung dieſer Prinzipien kommt man z. B. in Orpheus und Eurydice zu folgenden Einträgen in das Sammelheft: a) Eigennamen: Orpheus-— Rhodopeius vates, coniunx; Eurydice—coniunx, nova nupta; Pluto— dominus umbrarum, qui regit ima; Tartarus— mundus sub terra positus, regnum vastum, ima. b) Sonſtige Subſtantiva: serpens-vipera; omen- au- spicium; umbrae—simulacra, leves populi; supera ora-—terra, tellus; oculi—lumina; donum— munus; carmen-—verbum; letum—mors, caligo—(opacus, obscurus). c) Griechiſche Wörter und Formen: Aethera, Styga, Persephonen, Eurydicen, Chaos. d) Pluralis ſtatt des Singularis: silentia, Tartara, fata, orbes, ignes, carmina, inamoena regna. e) Schmückende Beiwörter(an und für ſich nicht nötig im Gedankenzuſammenhange): Aether immensus, fumus lacrimosus, regna inamoena, guttura villosa colubris, loca plena timoris, Chaos ingens, exsangues animae, Rhodopeius vates. f) Seltene Formen, Wörter und Ausdrücke: prendi; letum, lumina; fata retexere, carmine victus, carpsére iter. g) Der Dichter redet gelegentlich jemanden in der 2. Perſon an(und offenbart dadurch ſeine Teilnahme; ſpäter für Homer wichtig): inque tuo sedisti, Sisyphe, saxo.— Solche Sammlungen gewinnen an Intereſſe, wenn man gelegentlich nachweiſt, daß derartige Mittel, Abwechſelung zu ſchaffen und fein zu nüanzieren, von allen Dichtern angewendet werden und daher auch zum Rüſtzeug unſerer Dichterſprache gehören, z. B. bei„Bertran de Born“: Eigennamen: Bertran de Born, der Burgherr, Dichter; ſeltenere Ausdrucksweiſen: der ſchroffe Stein, des Dichters Sehnſuchtlaut, des Olbaums Schlummerſchatten; ſchmückende Beiwörter: leuchtend Brautgeſchmeide, der ſcharfe, kalte Stahl, u. ſ. w. u. ſ. w.
Was den inneren Aufbau der einzelnen Gedichte anlangt, ſo ſcheint es nicht unwichtig, auch dem Tertianer ſchon das Geſetz der Steigerung an einfachen Beiſpielen verſtändlich zu machen. Bekanntlich iſt es ein Hauptfehler des Schülers in ſeinen Aufſätzen, daß er keinen gleichmäßig ſich ſteigernden Fort⸗ ſchritt einhält, d. h. den Höhepunkt an der unrichtigen Stelle, meiſtens zu frühe, bringt oder das Haupt⸗ argument nicht bis zum Ende aufſpart, worauf dann der letzte Teil erheblich abfällt. Daher dürfte es kaum unnütz ſein, während des ganzen Gymnaſialunterrichts immer wieder auf das einfache Geheimnis jeder wirkſamen ſprachlichen Darſtellung, die in planmäßiger Ordnung erfolgende Steige⸗ rung, hinzuweiſen und ſie an Muſtern in Proſa und Poeſie aufzudecken. Eine überaus klare Steigerung findet ſich z. B. in den„Fröſchen der Latona“, ſowohl im Verlaufe der Geſamthandlung(die von Durſt erſchöpfte Göttin; die gefühlloſen Bauern; die Bitte der Göttin; der rohe Mutwille der Bauern; der Zorn der Göttin; die in Erfüllung gehende Verwünſchung), als ſpeziell in der Verwandlung, welche mit einer auch dem Schüler einleuchtenden Notwendigkeit in dem Schlußworte ranae gipfeln muß. Aber auch die Rede der Latona v. 349 ff. verdient als Muſter vorgeführt zu werden, wie man, um auf jemanden Eindruck zu machen, ſein Intereſſe gewinnen, ihn in Spannung verſetzen und darin erhalten muß; man läßt zu dieſem Zwecke in den wirkenden Gründen eine Steigerung eintreten, ſo daß der letzte Grund zugleich der ſtärkſte iſt, oft deswegen, weil er am lebhafteſten an das Gefühl appelliert(captatio benevolentiae). Der verſtandesgemäßen Auseinanderſetzung ſeitens der Göttin, daß ſie eigentlich nicht zu bitten brauche, wo ſie ein Recht habe, folgt die Widerlegung einer Abſicht, die ihr allenfalls untergeſchoben werden könnte und allerdings tadelnswert wäre: abluere artus lassataque membra; daran ſchließt ſich die höchſt lebendige Schilderung der Qualen ihres Durſtes: geſtatten ſie ihr, ihn zu ſtillen, ſo ſind ſie ihre Lebensretter; das letzte und ſtärkſte Argument iſt der rührende Hinweis auf ihre Kinder(denn ſelbſt verhärtete, Erwachſenen gegenüber grauſame Menſchen ſind nicht gefühllos, wenn ſie die Leiden unſchuldiger Kindlein ſehen).— Die Behandlung der deutſchen Gedichte bietet natürlich in hervorragendem Maße


