Aufsatz 
Konzentration des sprachlich-historischen und geographischen Unterrichts in der Unter-Tertia / Ludwig Hüter
Entstehung
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einer ſtarken Behörde, die Germanen gegen Stammesfremde mit der Fauſt. Welche Vorteile bietet den Galliern ihre Verfaſſung? Zentraliſation. Welche Gefahren? Alle Übergriffe, welche ein über⸗ mächtiger Klerus ſich zu ſchulden kommen läßt, und alle Nachteile einer zu ſtraffen Zentraliſation(das heutige Paris!). Die Germanen haben einen ſolchen Klerus nicht; ſie ſind daher auch von religiones (c. 16) freier, den groben Ausſchreitungen des Aberglaubens(Maſſenopfer von Menſchen ꝛc.). Daß ſie nicht ganz in Stämme auseinanderfallen(Neigung dazu von Arminius bis 1866 infolge des Mangels einer Zentralgewalt!), verhindert die Pflicht der Heeresfolge im Kriege gegen auswärtige Feinde(Gefahren, die das Weſen der Nation bedrohen, wecken das Nationalgefühl: Cheruskerbund; vgl. heutzutage die Bedeutung der allgemeinen Dienſtpflicht für die Einheit Deutſchlands!). Dazu kommen hervorragende ethiſche Eigenſchaften: Ehrgefühl, Treue(fein ausgebildetes Gaſtrecht).

Reſultat(ſyſtematiſche Darſtellung des Gewinnes): bei ſtark ausgeprägten ſittlichen Grundbegriffen(Tapferkeit, Freiheit, Ehre) alle ſtaatlichen Einrichtungen noch in den Anfängen, aber gute Anfänge!Es war ein Volk, dem die Einzelleben ſtark und großartig entwickelt waren, aber ein Volk, welches kaum die einfachſten Formen des Staates ertrug(G. Freytag, a. a. O. S. 95). Zu allen dieſen Betrachtungen, die für das Verſtändnis der Urgeſchichte und des Mittelalters grundlegend ſind, gibt die moderne Geſchichte unſeres Volkes zahlreiche, fortführende Analogien.

I, 1 wird geleſen, damit die Schüler den Schauplatz aller folgenden Ereigniſſe kennen lernen (von Horum omnium bellum gerunt ethnographiſche Notiz über die Belgae).

An I, 30 54 lernen die Schüler(Schiller, H. d. pr. P. S. 388) die Bewährung der Sitten unſerer Vorfahren im Kriege ¹) und die Anfänge der Völkerwanderung kennen. Es gilt demnach in erſter Linie die gefundenen Eigenſchaften an Arioviſt, ſeinem Gebaren und Handeln aufzudecken: ſeine und ſeiner Germanen Tapferkeit(vollſtändige Beſiegung der Gallier c. 31, Furcht der Gallier vor ihm c. 32 ff., die Nachwirkungen des terror Cimbricus im römiſchen Heere c. 39, die Kampfesweiſe der Germanen c. 48, ihr hartnäckiger Widerſtand in der Schlacht ſelbſt gegenüber den überlegenen römiſchen Waffen c. 52), Freiheitsliebe(namentlich c. 34 ff., wo in den Unterhandlungen mit Cäſar die ſtolze Unabhängigkeit Arioviſts leuchtend hervortritt, und c. 51, Schluß ²)), Ehre(hierbei wird es hauptſächlich darauf ankommen, unter Heranziehung von VI, 13 Schlußſatz, Arioviſt gegen den c. 47 erhobenen Vorwurf der Verletzung des Gaſtrechts und der

Aduatuci II, 29 33) ſind befeſtigt, einige ſehr ſtark, z. B. die Hauptſtadt der Aduatuker, und einzelne erſcheinen als recht bedeutend, auch umfangreich, z. B. dieſelbe, nach der Menſchenmaſſe zu urteilen, die darin unterkommen konnte II, 33. Im Gegenſatz zu den oppida müſſen wir uns die vici als offene, wohl mauerloſe Dörfer vorſtellen, dazu kommen noch die aedificia, Einzelhöfe(vgl. Jubainville, S. 216 ff.). Der Beſitz dieſer oppida hebt die Gallier in Bezug auf ihren Kultur⸗ zuſtand beträchtlich über die Germanen. Die ſchwierigeren Auseinanderſetzungen M. d'Arbois de Jubainville's über den Grundbeſitz in Gallien(la propriété foncidre en Gaule, vgl. auch S. 10 über die Mitgift, S. 13 über die Erbſchaften) können kaum ſchon für den Unter⸗Tertianer verwertet werden.

¹) Zur Vertiefung der Kenntnis germaniſchen Lebens kann auch noch IV, 115 geleſen werden, der Uſipeter⸗ und Tenktererkrieg, wobei die in 15 enthaltene Schilderung des Lebens der Sueben das ſchon gewonnene Bild der germaniſchen Sitten auffriſcht und in weſentlichen Punkten weiter ausführt; ebenſogut läßt ſich die Lektüre dieſer kurzen Epiſode in OIII zu einer Repetition der in UIII erzielten Kenntniſſe über das Leben unſerer Vorfahren verwerten.

²) In Hinſicht auf die beſondere Stellung der Frauen bei den Germanen ſiehe auch c. 50; vgl. Freytag, a. a. O. S. 88In dem hochſinnigen Weibe lebte etwas Geheimes, dem ſich die Männer ſcheu unterordneten, ihr waren die Götter hold, die Weisheit der Runen, die geheime Kunde der Zukunft wurde am liebſten ihr offenbart. Zieht man nun das Gebaren der Kimbriſchen Frauen in Betracht, erinnert an die Geſtalten der Sage Krimhild, Brunhild u. a., an die Thus⸗ nelda der Wirklichkeit, und verwertet man ſchließlich die Stellung der Frauen im Rittertume des Mittelalters, ſo wird man auch ſchon dem Tertianer den Satz Freytags(a. a. O. S. 87) zum Verſtändnis bringen können:Das Weib des Germanen war nicht nur die Herrin des Hauſes und die Erzieherin der Kinder, wie bei den Römern, ſie war auch ſeine Vertraute und Genoſſin bei der männlichſten Arbeit.