Aufsatz 
Konzentration des sprachlich-historischen und geographischen Unterrichts in der Unter-Tertia / Ludwig Hüter
Entstehung
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Ueber die Gallier(1120) ſiehe z. T.Geſchichte.

Anwendung. Vergleichung der Sitten und Gebräuche beider Völker. Cäſar bringt ſie eigentlich nicht; nur der Übergang c. 21 macht einen ſchwachen Verſuch; daher unſere Aufgabe! Jede einzelne Thatſache der germaniſchen Zuſtände erhält erſt ihre rechte Bedeutung durch die Beiziehung der entſprechenden galliſchen, z. B. Ackerbau treiben die Germanen wenig ¹); hängt das mit der Beſchaffenheit ihres Landes zuſammen? Silva Hercynia, daher Sümpfe und Wieſen; daher Viehzucht(lac, caseus, caro) und Jagd; dieſe viel weniger mühſam als Getreidebau; ſogar ganz eigenartige, ſonſtwo nicht bekannte Tiere. Was treiben dagegen die Gallier? Auch hierüber muß uns wieder die Beſchaffenheit ihres Landes belehren. Stellt man die geſamte Schlußbetrachtung erſt nach der Lektüre von I, 30, 31 an, wo die ausgeſprochene Abſicht der Helvetier ſowohl, wie des Arioviſt, bei ihren Einfällen in Gallien ſich in den Beſitz der beſſeren agri der Gallier zu ſetzen, hervortritt, und zieht noch zum Vergleiche die lehrreiche Notiz VI, 29 zu, wonach Cäſar inopiam frumenti veritus, quod minime Germani agriculturae student, von einer Verfolgung der Sueben in ihre Urwälder abſehen mußte, ſo wird man leicht dem Schüler die große Überlegenheit im Ackerbau, die Gallien vor Germanien gehabt haben muß, klar machen können ²). Auch in der ſpäteren Lektüre dürfen wir uns keine Gelegenheit entgehen laſſen, auf die Thatſache hinzuweiſen, daß Cäſar überall in Gallien mit verhältnismäßiger Leichtigkeit das nötige frumentum für ſeine Truppen beſchaffen kann(das fortwährende re frumentaria comparata), und daß die agri der Gallier(II, 4, 5 2c.) immer eine große Rolle ſpielen. Der Ober⸗Tertianer wird durch die Stelle III, 17 den Ackerbau geradezu als Hauptbeſchäftigung der Maſſe des galliſchen Volkes kennen lernen. Es wird ferner nicht überſehen werden dürfen, daß feſt abgegrenztes Gebiet überall in Gallien für die Staaten und für den Privatmann(daher auch Grenzſtreitigkeiten VI, 13) beſtanden zu haben ſcheint, während in Deutſchland infolge der beſtändigen latrocinia(VI, 23) die Grenzen ſicherlich ſchwankend und veränderlich waren und die künſtlichen solitudines zwiſchen den einzelnen Staaten jede nähere Grenzbeſtimmung verhinderten. Auch eignet ſich die in Gallien servorum loco ſtehende plebes beſonders zur Beſtellung der Felder. Während endlich in Deutſchland eine beſtändige Gefährdung der Feld⸗ früchte durch die gewohnten Raubzüge beſtand, konnten in Gallien ſtarke Behörden 3) den Ackerbau ſchützen. Wer nimmt alſo die höhere Kulturſtufe) damals ein? Unſtreitig die Gallier: denn ſie ſuchen ihr Recht bei

¹) Vgl. übrigens darüber Freytag, a. a. O. S. 60 ff., wodurch das, was in der Geſchichte der Völkerwanderung über das Bedürfnis größeren Ackerbaus geſagt werden muß, klargelegt wird.

²) Vgl. H. d'Arbois de Jubainville, la Gaule au moment de la conquète Romaine(revue Celtique) S. 202: le degré de civilisation auquel étaient parvenus les Gaulois transalpins du premier siècle avant J. C. comportait un certain développement de l'agriculture qui faisait contraste avec le genre de vie des Germains, und S. 207: l'agriculture tenait done une place importante dans la Gaule qui avait sur la Germanie une grande supériorité agricole; auch im Folgenden ſchließen wir uns den geiſtvollen Auseinanderſetzungen des franzöſiſchen Gelehrten an.

³) Die Bedeutung der 2 wichtigen Stände, der Druiden und der Ritter, hat der Schüler kennen gelernt(VI, 13 15); von eigentlichen Behörden kommen im Laufe der Unter⸗Tertia⸗Lektüre vor: die principes, der Adel in Amtsthätigkeit(totius fere Galliae legati, principes civitatum I, 31; der Remi II, 5; der Bellovaci II, 14; als Einzelperſonen der Aeduer Divitiacus, die primi der Remer, Iccius und Andecumborius II, 3; derſelbe Iccius als Stadtkommandant von Bibrax II, 6; der ehemalige König der Suessiones Divitiacus, der jetzige K. Galba als général en chef des Belgierkrieges II, 4; der Oberbefehlshaber der Nervier in der Schlacht am Sabisfluſſe Boduognatus II 23), der senatus(der Aedui I, 31; der Remi II, 5; der 600 Mitglieder zählende s. der Nervii II, 28); vgl. Jubainville, a. a. O. S. 220 ff. Die Vervoll⸗ ſtändigung aller dieſer Angaben fällt der OlIII zu.

) Sorgfältig werden aber auch alle Stellen zu ſammeln ſein, in denen der Wohnſtätten der Menſchen Erwähnung gethan wird, weil auch daraus ein für die Schüler verſtändlicher Schluß auf die relative Höhe der galliſchen Kultur gezogen werden kann; vgl. die vorzüglichen Ausführungen Jubainville's, a. a. O. S. 208 ff. 3 Arten lernt der Schüler II, 7 kennen: oppida, vici, aedificia. Die oppida(Sequani I, 32; Vesontio, deren Hauptſtadt I, 38; Remi II, 3; Bibrax 6, 7 3 Bellovaci II, 4 haben 12 Städte, Bratuspantium 13; Suessiones: oppidum Noviodunum II, 12; Nervii II, 28;