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wurden dieſelben von Rev. Morris, M. A., einem Graduierten der Oxforder Univerſität, geleitet. Sie fanden fünfmal wöchentlich ſtatt, dauerten je 1 ½ Stunden und wurden von etwa 8 Perſonen, meiſtens Deutſchen, beſucht. Das Honorar betrug für den Einzelnen 5 shillings in der Woche.— Es wurde nur Engliſch geſprochen; Sprechen, Leſen und Diktieren wechſelten mit einander ab. Der Ausſprache und Synonymik wurde große Aufmerkſamkeit geſchenkt. Die Hauptſchwierigkeiten, die ſich uns Mitteldeutſchen in dieſer Hinſicht entgegenſtellen, ſind die Trennung von Tenuis und Media vor folgendem Konſonanten ſowie am Auslaut nach Vokal, von ſcharfem und weichem s und th.— Das Geſpräch erſtreckte ſich auf Politik, Tagesneuigkeiten, Land, Leute und Einrich— tungen Englands und Deutſchlands, wobei jedem Einzelnen Gelegenheit geboten war, ſich Rat und Erklärung für alles zu holen, was ihm von ſprachlichen oder ſachlichen Dingen in Schrift, Wort oder Leben unverſtändlich geblieben war. Der Lektüre waren Sheridan's Luſtſpiele zu Grunde gelegt. Außerdem unterzog ſich Herr Morris gerne der Korrektur deſſen, was einer der Teilnehmer über ein ſelbſtgewähltes Thema in engliſcher Sprache zu Hauſe niedergeſchrieben.
Ich ſtehe nicht an, hier offen zu bekennen, daß mir dieſe„praktiſchen engliſchen Seminar⸗ Uebungen“ von großem Werte geweſen ſind und kann die Teilnahme an denſelben jedem Fach⸗ genoſſen nur angelegentlichſt empfehlen; doch würde ohne Zweifel der Gewinn für den Beſucher ein noch größerer ſein, falls der Verein mit ſeinen Vorſchlägen(cf. Mitteilungen Oktober 1888, S. 3 und 4) in den beteiligten Kreiſen Deutſchlands größeren Anklang und bereitwilligere Unter⸗
. ſtützung fände. Doch die Fähigkeit, ſich richtig und gewandt in der fremden Sprache auszudrücken
und die geſprochene Sprache zu verſtehen, ſoll nicht das einzige Ziel ſein; mit der Form allein ſoll ſich unſer Fachgenoſſe nicht begnügen. Vielmehr ſoll er den in der Sprache niedergelegten Inhalt nicht minder als Hauptſache betrachten. Er ſoll ſeinen Horizont erweitern, ſeine Sachkenntnis vermehren, Einrichtungen und Lebensäußerungen des fremden Volkes kennen lernen. Grundbedingungen dafür ſind Beobachtungsgabe und Beobachtungsluſt.
Derjenige, der die Zeit ſeines Aufenthaltes im Auslande gehörig ausnutzen will, wird Wochen⸗ und Witzblätter der verſchiedenen Richtungen leſen; er wird das Leben auf der Straße zu den verſchiedenen Tageszeiten beobachten; er wird die ſehenswerteſten Denkmäler und Stätten der Kunſt, Wiſſenſchaft und Geſchichte, des Handels und Verkehrs, zum Teil mehrmals beſuchen: Tower, Paulskirche, Parlamentsgebäude, Weſtminſterabtei, naturhiſt. Muſeum, South⸗Kenſington Muſeum, Britiſh Muſeum, National Gallery, zoolog. Garten, Hafen, Docks, Greenwich, Kryſtall⸗ palaſt zu Sydenham, Eton, Windſor, Orford, Stratfort⸗on⸗Avon u. ſ. w. Er wird auch nicht verſäumen, zur geeigneten Zeit in die Parks zu gehen, um die Nationalſpiele der Engländer, Cricket, Lawn Tennis und Football, kennen zu lernen.
Selbſtverſtändlich müſſen hierbei Intereſſe für Sache und Sprache Hand in Hand gehen, und Auge und Ohr müſſen nebeneinander thätig ſein. An Gelegenheiten hierzu fehlt es nirgends. In der National Gallery z. B. wird unſer Neuphilologe den nie fehlenden Beſuchern folgen, die in engliſcher Sprache ihre Bemerkungen über die verſchiedenen Gemälde austauſchen, und im zoologiſchen Garten mag er ſich den Leuten anſchließen, die ihren lernbegierigen Kindern eingehende Belehrung über Eigenſchaften und Lebensweiſe der verſchiedenen Tiere zu teil werden laſſen.
Beſſere Gelegenheiten jedoch als die genannten, Sach⸗ und Sprachſtudien in angenehmer und belehrender Weiſe zu verbinden, bieten ſich im Gottesdienſt, im Park und im Theater, und darüber ſeien mir nun einige Bemerkungen geſtattet.
Zunächſt über den Gottesdienſt. Jeden Sonntag beſuche der Neuphilologe, mit Bibel, Gebet⸗


