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und Geſangbuch verſehen, eine der vielen Kirchen, um ſo nach und nach verſchiedene Schattierungen des vielgeſpaltenen religiöſen Lebens kennen zu lernen, von der High Church herunter bis zur Salvation Army. Da jedoch, außer bei gewiſſen Sekten, Gebet und Geſang der Gemeinde den größten Teil der Zeit in Anſpruch nehmen, ſo iſt der ſprachliche Gewinn nicht ſo groß wie z. B. in der reformierten franzöſiſchen Schweiz, in Lauſanne und Genf, wo die Predigt des frei ſprechenden Pfarrers für Bildung des Gehörs und der Ausſprache von großem Vorteil ſind. Doch, wie ſchon erwähnt, ſoll die Sprache nicht immer der oberſte Zweck des im Auslande lebenden Lehrers der neueren Sprachen ſein; das religiöſe Moment an ſich, das ja im engliſchen Volksleben zu allen Zeiten eine große Rolle geſpielt hat und noch heute ſpielt, bietet des Bemerkenswerten genug, und Niemand ſollte es unterlaſſen, dasſelbe zu beobachten, zumal die Gelegenheit dazu ſich auf Schritt und Tritt bietet, ja aufdrängt. Dies gilt beſonders vom Sonntagnachmittagsleben in den großen Parks, im Hyde Park und Regent's Park. Unſer Fachgenoſſe möge keinen Sonntag vorübergehen laſſen, ohne einen oder beide Parks zu beſuchen. Er hört hier gebildete und ungebildete Leute in gutem und ſchlechtem Engliſch über religiöſe, wiſſenſchaftliche, politiſche und ſociale Fragen reden und wird nie den Eindruck vergeſſen, den dieſes bunte Treiben der zufriedenen und unzufriedenen, der hörenden und ſprechenden, der aufmerkſamen und gleichgiltigen Bewohner des modernen Babylon auf ihn macht. Hier redet ein begeiſterter Prediger vor der kleinen Schar ſeiner Getreuen unter grünem Laubdach von dem neuen Geiſt und neuen Glauben, der in den letzten Tagen über ihn gekommen; dort ſingt eine fromme Gemeinde mit geſchloſſenen Augen Hymnen auf Chriſtus. Dieſer entwickelt theiſtiſche, jener vollſtändig atheiſtiſche Gedanken und läßt ſich nicht ſtören durch den Lärm der nebenan trommelnden und raſſelnden Soldaten und Offiziere der Heilsarmee. Ein Irländer wettert in zornentflammter Rede und mit geballter Fauſt gegen die Unterdrücker ſeines Vaterlandes und appelliert an das Gerechtigkeitsgefühl der engliſchen Demokratie, und ein docklabourer endlich führt den grellen Gegenſatz vor zwiſchen dem Reichtum und der Verſchwendung des Adels und der Armut und dem Elend der Hafenarbeiter.
Nicht minder wertvoll als der Beſuch der Parks iſt der der Theater; denn auch hier bieten ſich Unterhaltung und Belehrung in ſchöner, nutzbringender Verbindung. Das kann man feſt behaupten, daß ſich nirgends die gute Ausſprache beſſer ſtudieren läßt als dort. Wenn der Text des aufzuführenden Stückes gedruckt zu kaufen iſt, wird man natürlich denſelben vorher durchleſen; auch mehrmaliges Beſuchen eines und desſelben Dramas iſt zu raten. Iſt ein Stück beſonders zugkräftig, ſo muß man ſich ſein Billet mehrere Tage vorher kaufen, um ſich einen guten Platz in der erſten Reihe zu ſichern; auf jeden Fall ſind die Koſten nicht zu ſcheuen, denn reichlich aufgewogen werden dieſelben durch den Vorteil, engliſche Lautlehre an der beſten Quelle ſtudieren zu können und das engliſche Volk auf den Brettern zu ſehen, die ſeine Welt bedeuten.
Hat der Neuphilologe ſeinen Aufenthalt im Auslande zu den erwähnten Studien und Beobachtungen verwandt und keine den angegebenen zwei oberſten Zwecken günſtige Gelegenheit unbenutzt vorübergehen laſſen, ſo wird er, reich an Erfahrungen und Erinnerungen, reich an ſprachlichen und ſachlichen Fertigkeiten, in die Heimat zurückkehren. Dauernd wird der Gewinn ſeiner Reiſe ſein: als Lehrer wird er anſchaulicher und ſomit feſſelnder unterrichten und aus dem Quell ſeiner Erfahrungen den Schülern das Beſte und Edelſte bieten können.


