Aufsatz 
Prof. Dr. Hugo von Ritgen : Ein Lebensbild / von Otto Buchner
Entstehung
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8 zog, beweiſt u. a. ſein Aufſatz überdie erſte Anlage Gießens und ſeiner Befeſtigungen im vierten Jahresbericht des Oberheſſ. Vereins für Lokalgeſchichte und ſeine Bearbeitung des Kreiſes Gießen für das ſeitens der Großherzoglichen Regierung herausgegebene umfangreiche Werk:Die Kunſtdenkmäler im Großherzogthum Heſſen, die druckfertig bei ſeinem Tode vorlag.

Leider gelangten v. Ritgens ſehr umfaſſende Studien überdas deutſche Haus nicht mehr zum druckfertigen Abſchluß. Die Herausgabe eines umfangreichen Werkes über die Wartburg(in der Art wie über Schloß Schwerin), für welche ſich ſchon A. v. Humboldt lebhaft intereſſierte, unter⸗ blieb wegen der großen Herſtellungskoſten.

Nachdem die Lehrſtühle für Architektur und Ingenieurwiſſenſchaft von Gießen weg an die techniſche Hochſchule nach Darmſtadt verlegt waren, wurde an der Hochſchule in Gießen nur noch die Kunſt wiſſenſchaft geleſen. Für v. Ritgen war dadurch die Lehrthätigkeit in Studentenkreiſen nicht wenig beeinträchtigt. War doch dieſe ſchöne Wiſſenſchaft kein Examengegenſtand. Aber trotzdem hatte der Altmeiſter der Kunſtgeſchichte jeden Winter in ſeiner Vorleſung einen Kreis von meiſt älteren Zuhörern, die den durch eine Maſſe von Abbildungen unterſtützten lehrreichen Vorträgen mit Aufmerkſamkeit und Ausdauer folgten.

Auch in zahlreichen Vereinen ſeiner Vaterſtadt war v. Ritgen gerne bereit, durch Vorträge ſeine Kenntniſſe in weitere Kreiſe zu tragen. Namentlich war es der Gewerbeverein und der Geſchichts⸗ verein zu Gießen, die bis in die letzten Jahre nicht ſelten die Ehre hatten, bei jedesmal ſehr zahlreicher Verſammlung ſolchen Vorträgen beizuwohnen.

Viele Ehren und hohe Ordensauszeichnungen wurden dem Verewigten in reichem Maße zuteil. Einzelne wurden ſchon erwähnt; doch war er auch Ritter 1. Kl. des Heſſiſchen Philippsordens, Ritter 2. Kl. des K. Preußiſchen Kronenordens, Offizier des K. Niederländiſchen Ordens der Eichenkrone, Ritter 3. Kl. des Kaiſ. Ruſſiſchen St. Annenordens und Ritter 4. Kl. des K. Preußiſchen Roten Adler⸗Ordens.

Ueberblicken wir das von dem Hingegangenen entrollte Lebensbild im ganzen, ſo ſehen wir in ihm einen ganzen Mann mit allen Vorzügen des Herzens und des Geiſtes, die ſonſt ſo ſelten vereinigt ſind. Sein tiefes Gemüt, ſein kindlich frommer Sinn, ſeine Einfachheit und Beſcheidenheit, ſeine Liebens⸗ würdigkeit und Herzlichkeit im Umgang machten, daß er nur Freunde, aber keinen einzigen Feind hatte. Reich an außerordentlichen Kenntniſſen kargte er nicht mit denſelben; dabei blieb er den höchſten Herr⸗ ſchaften wie dem ſchlichteſten Handwerker gegenüber der feingebildete, geiſtreiche und dabei doch einfache und beſcheidene Mann, der, wenn auch ſeines Wertes bewußt, doch anderen gegenüber denſelben nie hervorhob. Im Hauſe lebte er nur der Wiſſenſchaft und Kunſt, ſeiner Familie und wenigen nahen Freunden. Mäßig und anſpruchslos erfreute er ſich die längſte Zeit ſeines Lebens einer vortrefflichen Geſundheit, und erſt in den letzten Jahren traten zeitweiſe die Gebrechen des Alters an ihn heran. Eine raſch verlaufende Rippenfellentzündung endete ſein langes und thatenreiches Leben am 31. Juli 1889.

Der endloſe Leichenzug und die Fülle von Kränzen und Blumen, die den Sarg und den Wagen überdeckten, waren ein letztes öffentlich abgelegtes Zeugnis für die Liebe und Vrrehrung die dem Ver⸗ blichenen zum Grabe folgte.

Sein Andenken wird nie verlöſchen.