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Freiheit des Glaubens. Trauernd müßte Deutſchland zuſehen, würde die alte glorreiche Burg, gleich ſo mancher ehemaligen Feſte, in das romantiſche Luſtſchloß, die reizende Villa ſelbſt des edelſten Fürſten umgewandelt. Denn damit wäre ſie ausgeſtrichen aus der Zahl der ehrwürdigen Denkmäler deutſcher Vorzeit. Eine Wiederherſtellung der Wartburg ſoll mehr ſein, als jene jetzt Mode gewordenen Reſtau⸗ rationen von Ritterburgen, ſelbſt die großartigſten nicht ausgenommen, welche uns höchſtens in ange— nehmer Täuſchung einen Augenblick von der Vorzeit träumen laſſen. Nein, die Wiederherſtellung der Wartburg thue mehr; ſie vergegenwärtige uns ihre eigene Geſchichte, die Geſchichte eines der edelſten deutſchen Fürſtenhäuſer und damit zugleich zwei große Momente in der Geſchichte der geiſtigen Bildung Deutſchlands. Dieſe ſind: der deutſche Minneſang, der mit der Verehrung der Frauen die Roheit der Sitten milderte, die Reinigung der Seele erſtrebte, und durch die Freude des Frauenverkehres die ächt deutſche Poeſie des häuslichen Glückes herbeiführte; und dann ſpäter der große Glaubens⸗ kampf, der von der Wartburg ausging.“
Dieſe Worte waren entſcheidend über die Zukunft der Wartburg, und v. Quaſt ſelbſt erkannte aufrichtig an, daß nur v. Ritgens Entwürfe das Richtige getroffen hätten, und auch der hohe Pro⸗ tektor der Burg entſchied ſich dahin, von den v. Quaſt'ſchen Entwürfen abzuſehen und die Wieder⸗ herſtellung der Burg den Händen v. Ritgens anzuvertrauen.
Doch waren noch weitere, durch Jahre ausgedehnte ſorgfältige Studien über die Geſchichte der Burg und den deutſchen Burgenbau, die mittelalterliche Befeſtigungskunſt, die Sitten und burgliche Lebensweiſe des Mittelalters, über die ſymboliſche Bedeutung der figürlichen Darſtellungen und zahlreiche andere Punkte Vorbedingung für eine richtige Ausführung der Aufgabe.
Und daß ihm dieſelbe vollkommen gelungen iſt, daß v. Ritgen ſie gelöſt hat mit treuem Sinne und vollem künſtleriſchen Vermögen, darüber herrſcht nur eine Stimme. v. Ritgen war aber auch mit der Wartburg vollkommen verwachſen; innig befreundet mit dem Kommandanten v. Arns⸗ waldt und in ſtetem regen Verkehr mit dem kunſtverſtändigen Burg⸗ und Bauherrn S. K. H. dem Großherzog Karl Alexander, velcher ihn ſtets in huldvollſter Weiſe ehrte und auszeichnete, hielt er ſich Wochen und Monate daſelbſt auf, und noch wenige Wochen vor ſeinem Tode war er da⸗ ſelbſt, um den Bau des noch fehlenden Thorturms und des Landgräflichen Bades zu leiten, das an der Stelle des Bärenzwingers ſchon im erſten Entwurf v. Ritgens vorgeſehen war.
Der hohe Schutzherr der Burg, S. K. H. der Großherzog Karl Alexander von Sachſen⸗ Weimar, erwies ſich dankbar für v. Ritgens Arbeiten und erteilte ihm den Titel eines Geheimen Rats und verlieh ihm den Comthur mit dem Stern des Gr. Sachſen⸗Weimarſchen Hausordens vom weißen Falken. Die Stadt Eiſenach, die bei der Wiederherſtellung der Wartburg ganz beſonders inter⸗ eſſiert war, ernannte v. Ritgen zum Ehrenbürger.
Auf die Kunde vom Ableben v. Ritgens gab der Großherzog von Sachſen der Familie durch den Kommandanten der Wartburg, von Arnswaldt, der an der Beerdigung teilnahm, ſein Beileid zu erkennen und ſandte einen prachtvollen Kranz mit der Widmung:„Großherzog von Sachſen in herzlicher Dankbarkeit und Freundſchaft, auch im Namen der Wartburg“. Namens der Stadt Eiſenach ſandte Oberbürgermeiſter Dr. Eucken einen Kranz mit der Inſchrift:„Ihrem Ehrenbürger und Baumeiſter der Wartburg gewidmet von der Reſidenzſtadt Eiſenach“.
Große Verdienſte erwarb ſich v. Ritgen auch um das Germaniſche Muſeum in Nürnberg, deſſen Mitbegründer er war; bis zu ſeinem Tode gehörte er zu dem Verwaltungsrat und dem Ge⸗ lehrtenausſchuß der Anſtalt und kam faſt jedes Jahr einmal dahin, um ſich an ſeinem Lieblingskind zu erfreuen, an deſſen Verbleiben in dem alten ehrwürdigen Nürnberg er ſ. Z. aufs weſentlichſte beteiligt war.


