Aufsatz 
Prof. Dr. Hugo von Ritgen : Ein Lebensbild / von Otto Buchner
Entstehung
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ausgeführt ſehen. Im Laufe der Jahre entwarf und baute er in Gießen eine große Anzahl neuer Wohngebäude, andere ältere wurden nach ſeinen Entwürfen umgebaut.

Es iſt nicht zu verwundern, daß bei der Lage der Stadt ſeiner Thätigkeit, die ringsum von alten maleriſchen Burgruinen und Schlöſſern umgeben iſt, ſich bei v. Ritgen ſchon früh hohes Inter⸗ eſſe für die Bauwerke des Mittelalters entfaltete, und ſich ſeine Kenntnis derſelben im Laufe der Zeit und bei immer fortſchreitendem Studium zu einem hohen Grade der Vollkommenheit entwickelte. Hierfür ſind Zeugen die teilweiſe wiederhergeſtellten Burgen Gleiberg und Staufenberg bei Gießen, das gräflich Solmſiſche Schloß in Laubach, die Burgen Ludwigseck und Eiſenbach für den Baron v. Riedeſel, ein Teil des Schloſſes Braunfels, der Burgen Wieſenthal, Buckau und Schloß Thurnau für den Grafen Giech, u. a, m.

Auch bei dem Umbau einer Reihe von Kirchen(in Gießen, Jena, Eiſenach, Großenlinden, Schlitz u. a. O.) war von Ritgen mit großem Geſchick thätig. Sein geläuterter Kunſtgeſchmack be⸗ währte ſich beſonders auch bei der inneren Einrichtung und Ausſchmückung der Kapelle im Auguſta⸗ hoſpital in Berlin, ſowie bei der Ausführung der Grabkapelle der Familie v. Eichel auf dem Friedhof zu Eiſenach und dem herrlichen Grabdenkmal der Familie Gail auf dem Friedhof zu Gießen, das er mit dem Bildhauer Fr. Küſthard in Hildesheim ausführte.

Was wollen aber dieſe Bauten bedeuten gegen die gewaltige Aufgabe, die Wartburg bei Eiſenach wieder ſtilgerecht herzuſtellen, eine Aufgabe, der v. Ritgen 40 Jahre ſeines Lebens widmete und die er in unübertrefflicher Weiſe ausführte.

In die Vorgeſchichte der Wiederherſtellung der Wartburg iſt im Laufe der Zeit manches Un⸗ richtige hineingewebt worden. Es ſcheint daher angezeigt, etwas genauer auf dieſelbe einzugehen.

Als im Herbſt 1846 die gothaiſche Architektenverſammlung in Gotha tagte, wurde ſie vom Großherzog Karl Friedrich auf die Wartburg eingeladen, um die von Ferd. von Quaſt, dem ſpäteren Konſervator der preußiſchen Kunſtdenkmäler, herrührenden Entwürfe zur Wiederherſtellung der Burg kritiſch zu beurteilen.

So ſehr die von Quaſt'ſchen Pläne in gewiſſem Sinne volle Bewunderung verdienten und fanden, ſchienen ſich doch die meiſten von einer Wiederherſtellung der Wartburg eine andere Vorſtellung gemacht zu haben und trugen Bedenken, ſo raſch und unvorbereitet ein Gutachten abzugeben. Hier war es, wo der damals noch junge Profeſſor der Architektur an der Hochſchule in Gießen, Dr. Hugo v. Ritgen zur richtigen Zeit das richtige Wort ſprach, nämlich, daß die Ausführung dieſer Entwürfe wohl ein Feenſchloß, nimmer aber eine Wiederherſtellung der alten ehrwürdigen Wartburg ſchaffen würde. In den Herzen Vieler zündete ſein Mahnruf:Wenn dieſe Pläne ausgeführt werden, ſo iſt die Wartburg aus der Reihe der ehrwürdigen Denkmäler der deutſchen Heldenzeit geſtrichen; beſonders waren es der alte Geheimerat Lepſius und Hofrat Ewald, der alte Baurat Sälzer und am meiſten der Kommandant der Burg, der Major Bernhard von Arnswaldt, welche ihm zuſtimmten.

Letzterer veranlaßte v. Ritgen, ſich näher mit dem Studium der Baugeſchichte der Wartburg zu beſchäftigen und auf der Grundlage urkundlicher Forſchungen Entwürfe zu fertigen, welche dem wirklichen urſprünglichen Zuſtande entſprächen. Dieſe wurden denn auch alsbald begonnen und mit Freuden von S. K. H. dem Erbgroßherzog Karl Alexander aufgenommen.

Schon im folgenden Jahre, Herbſt 1847, konnte v. Ritgen auf der deutſchen Architekten⸗ verſammlung in Mainz ſeine Entwürfe neben denen von Quaſt's der Begutachtung der Sachver⸗ ſtändigen unterbreiten. Bei dieſer Gelegenheit ſagte er:Deutſchland hat ein geiſtiges Eigentumsrecht an die Wartburg errungen durch Jahrhunderte ſchwerer Kämpfe um die deutſche Poeſie und um die