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widmete er ſich aufs eifrigſte dem Studium der Mathematik, der darſtellenden Geometrie, der Optik und Perſpektive und der architektoniſchen Konſtruktionslehre. In ſeinen freien Stunden hörte er Vor⸗ leſungen über Phyſik und übte ſich im Zeichnen und Aquarellieren.
Am 9. Auguſt 1833 wurde er zum Dr. phil. promoviert. Schon damals war es ſein Streben, ſich als Lehrer der Architektur und Technologie an der Hochſchule Gießen niederzulaſſen. Zu dieſem Zweck unternahm er vorher eine Studienreiſe(September 1833— Mai 1834) über Belgien und Nord⸗ frankreich nach Paris. In allen größeren Städten hielt er ſich unterwegs längere Zeit auf. In Paris hörte er Vorleſungen bei Gay⸗Luſſac und Thénard, Girard, P. L. Dulong, Brong⸗ niard, Dumas, Chevreul, Beudant u. A. Doch fand er auch noch Zeit, im Geſchäft Dubans, damals des ausgezeichnetſten Architekten in Paris, den v. Ritgen als Mann voll Geiſt und Geſchmack und mehr als gewöhnlicher Thatkraft ehren und lieben lernte, praktiſch in der Baukunſt zu arbeiten.
„Vielſeitige Bildung des Sinnes für Kunſt überhaupt, Bildung des Geſchmacks und ſomit des Urteils über Kunſt und Kunſtwerke, Bereicherung an Ideen und endlich Erweiterung der eigenen Auffaſſungsgabe, das war es, wonach ich mich lange geſehnt hatte, das iſt es, was Paris in vollem Maße bietet und was ich mit vollem Eifer zu erlangen mich bemühte“— ſchreibt v. Ritgen ſelbſt über ſeinen Pariſer Aufenthalt.
Aber Paris bot dem jungen Manne noch mehr. Es wurde ihm nicht ſchwer, in Kreiſe einge⸗ führt zu werden, wo die erſten Gelehrten und Künſtler verkehrten. Namentlich bot ihm das Haus des ausgezeichneten Architekten Hittorff reichen Stoff, ſeine Kenntniſſe und Anſchauungen zu erweitern. Bei Baron Gerard ſammelten ſich die Maler, bei Madame Leo, Gemahlin des Bankiers, und bei Mad. Valentin erſchienen die Künſtler und litterariſchen Schöngeiſter. Da hatte v. Ritgen Gelegenheit, die Bekanntſchaft von Chateaubriand, Cherubini, Chopin, Schubert, Lißt, Hiller u. v. a. zu machen. Auch H. Heine, Börne, Victor Hugo u. a. lernte er perſönlich kennen.
Daß v. Ritgen nicht verſäumte, die Kunſt-⸗ und technologiſchen Sammlungen und die aus⸗ gezeichneten öffentlichen Gebäude zu ſtudieren, braucht kaum hervorgehoben zu werden.
Bereichert mit Kenntniſſen verließ v. Ritgen Ende Mai 1834 Paris und kehrte über Lothringen und Elſaß wieder in die Heimat zurück.
Auch in ſpäterer Zeit machte v. Ritgen ausgedehnte Reiſen in Deutſchland und hielt ſich mehrfach ſeiner Kunſtſtudien wegen in Italien auf. Zum Studium ſeiner Burgen bereiſte er mehrfach und für längere Zeit Tirol.
Schon 1835 erging an ihn die Aufforderung, an der Hochſchule Vorleſungen über darſtellende Geometrie und Situationszeichnen zu halten. In kurzen Pauſen wurde er Repetent, außerordentlicher (1838) und dann ordentlicher Profeſſor(1843) an der Univerſität Gießen und hat in den mehr als 50 Jahren ſeiner ſegensreichen Lehrthätigkeit mit unermüdlichem Eifer und voller Hingabe an ſeinen Beruf gewirkt. Auch an ſeinem Grabe wurde mit Recht hervorgehoben, daß die von dem Hingegangenen in den letzten Jahren gefeierten Jubiläen(50 jährige Jubelfeier der Promotion und der Profeſſur, ſowie goldene Hochzeit) den Beweis lieferten, welch weite Kreiſe von ihm anregend befruchtet worden ſind; denn auch nach Aufhebung der Profeſſur für Baukunſt in Gießen(1874) nach Gründung der poly⸗ techniſchen Schule in Darmſtadt, ſetzte er ſeine Thätigkeit als Lehrer der Kunſtwiſſenſchaft unermüdlich fort.
Aber gerade ſein raſtloſer Thätigkeitsdrang bewirkte, daß v. Ritgen von ſeiner Lehrthätig⸗ keit allein nicht vollkommen befriedigt war; er wollte das, was er als ſchön erkannt, auch praktiſch


