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ſetzung, nämlich eine falſche Auffaſſung der Religion. Wir haben bereits bei den Urſachen des Rationa⸗ lismus darauf hingewieſen, daß die Orthodoxie ebenſo wie der Rationalismus die Religion weſentlich als Sache der Erkenntniß auffaßt und ſomit in das Wiſſen verlegt. Darum hat ebenſowohl der Rationalis⸗ mus wie Supranaturalismus allen religiöſen Fortſchritt in die Vermehrung der Erkenntniſſe geſetzt. Dogmatiſche oder moraliſche Erkenntniſſe aber können freilich nur entweder empfangen werden, oder ſie ſind das Reſultat ſelbſtthätigen Denkens. Da nun der Rationalismus ſich mit Recht gegen die Mit⸗ theilung fertiger übervernünftiger Erkenntniſſe erklärt hatte, ſo ſah er ſich genöthigt, die ſelbſtthätige Produktion religiöſer Erkenntniſſe durch die Vernunft zu behaupten. Wenn wir nun die Eingießung übervernünftiger Erkenntniſſe mit den Geſetzen der Pſychologie unvereinbar fanden, ſo gilt dieſer Vor⸗ wurf nicht minder der rationaliſtiſchen Vorausſetzung, daß die reflektirende Vernunft religiöſe Erkenntniſſe zu Stand bringe; allein bei der gemeinſamen Vorausſetzung, daß Religion ein Wiſſen ſei, blieb ein anderer Ausweg nicht möglich.
Noch ein anderer Punkt iſt es, der den rationaliſtiſchen Gegenſatz hervorrief. Bei der ſupranatu⸗ raliſtiſchen Behauptung einer einmaligen vollkommenen Offenbarung iſt ſchlechterdings nicht einzuſehen, warum eine kontinuirliche geſchichtliche Entwicklung dieſer Offenbarung behauptet wird, da ja doch, genau genommen, ein geſchichtlicher Entwicklungsprozeß der Offenbarung unter der Vorausſetzung einer korrum⸗ pirten menſchlichen Vernunft gar nicht gedacht werden kann. Iſt die Offenbarung von der beſonderen Beſchaffenheit menſchlicher Verhältniſſe ganz unabhängig, warum iſt ſie nicht früher eingetreten? warum erſtreckte ſie ſich nicht gleich auf die ganze Menſchheit? Dem gegenüber betonte nun der Rationalismus mit Recht die geſchichtliche Vermittlung aller Offenbarung und das im Zuſammenhang mit der geſammten Kulturentwicklung ſtehende ſtufenmäßige Fortſchreiten des religiöſen Bewußtſeins. Indem freilich der Rationalismus die Spontaneität der menſchlichen Vernunft als das oberſte Prinzip hiſtoriſcher Entwicklung behauptete und dabei die göttliche Kauſalität ganz in den Hintergrund drängte, verfiel er dem entgegen⸗ geſetzten Fehler als der Supranaturalismus.(Röhr: Gott läßt ſich nicht zum Menſchen herab, ſondern der Menſch ſteigt zu Gott empor.)
Doch auch dieſe verkehrte Auffaſſung des Rationalismus läßt ſich auf eine falſche Vorausſetzung zurückführen, die dem Rationalismus und Supranaturalismus gemeinſam iſt; beiden Vorſtellungsarten liegt nämlich das Gemeinſame zu Grund, daß ſie Gott ſchlechthin transcendent ſetzen. Denn während der Supranaturalismus die göttliche Kauſalität als eine geſchichtlich unvermittelte ſchöpferiſche That auf⸗ faßte, rückte der Rationalismus die Kauſalität Gottes bis an den Anfangspunkt der Weltſchöpfung hinaus, ließ aber von da an die Vernunft allein als geſchichtsbildendes Prinzip gelten. Beide Geiſtes⸗ richtungen konnten ſich alſo nicht zu dem Gedanken erheben, daß der in der Geſchichte ſich wiederſpiegelnde Prozeß durch zwei Faktoren zu Stande kommt: durch fortgehende Offenbarung Gottes und durch fort⸗ gehende ſelbſtthätige Reception dieſer Offenbarung von Seiten des Menſchen. Aus dem Bemerkten wird es erſichtlich, warum wir in der geſchichtlichen Darſtellung des Rationalismus ſagen konnten, daß Schleiermacher und Hegel den Rationalismus im Prinzip überwunden hätten. Indem der erſtere die Religion nicht als ein Wiſſen, ſondern als Lebensprinzip verſtand, hat er den den beiden fraglichen Richtungen gemeinſamen Fehler des Intellektualismus aufgehoben, und indem der letztere in der Welt⸗ geſchichte die kontinuirlich ſich entfaltende Gottheit ſah, hat er den andern dem Rationalismus und Supranaturalismus gemeinſamen Fehler des Dualismus von Gott und Welt überwunden.
Bis dahin haben wir mit der Bezeichnung„Rationalismus“ hauptſächlich die durchgebildete Geſtalt deſſelben, den eigentlichen theologiſchen Naturalismus im Auge gehabt, doch gilt das Geſagte natürlich auch von den minder durchgebildeten Formen deſſelben. Dieſen letzteren iſt es weſentlich, daß ſie, ſoweit es irgend geht, mit der Kirchenlehre zu kapituliren ſuchen. Theils iſt in ihnen das rationaliſtiſche Prinzip


