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noch nicht mit voller Schärfe erkannt und darum nicht in grundſätzliche Anwendung gebracht, theils wirkt in ihnen die Liebe zum Ueberlieferten, die auf dem Gebiet der Religion eben am mächtigſten iſt, nach. Sie erkennen die göttliche Offenbarung in der h. Schrift an, behaupten aber, daß die Offen⸗ barungswahrheiten zugleich das Reſultat vernünftigen Denkens ſeien und erkennen darum ihren Vorzug nur darin, daß die Erkenntniß durch die Offenbarung raſcher gefördert worden ſei. Wenn daher von dieſen Halbrationaliſten dennoch den Offenbarungswahrheiten das Prädikat der Uebervernünftigkeit bei⸗ gelegt wird, ſo kann auf ihrem Standpunkt damit nur der erſte Eindruck bezeichnet werden, der aber mit dem Akt des Begreifens ſich verliert. Thatſächlich wird der„geſunde Menſchenverſtand“ als oberſtes Erkenntnißprinzip in allen Phaſen des Rationalismus geltend gemacht. Dabei waltet die irrthümliche Vorausſetzung ob, daß es beſtimmte, allgemein anerkannte Wahrheiten gebe, an denen kein Vernünftiger zweifeln könne, und dieſe Wahrheiten glaubte man als objektiven Maßſtab anwenden zu dürfen. Man bedachte nicht, daß ja der geſunde Menſchenverſtand ſelbſt weſentlich mit hervorgebracht iſt durch die Einwirkung der Wiſſenſchaft, daß ſeine ganze Gewißheit nur auf der Gewißheit der Reſultate der Wiſſen⸗ ſchaft ruht; daß folglich mit dem Fortſchritt der Wiſſenſchaft auch der geſunde Menſchenverſtand ſich fortentwickele und daß er dann ganz andere Dinge als„anerkannte Wahrheiten“ anſehen wird.
Dieſes falſche Erkenntnißprinzip bedingte aber einen geringeren Grad der Viſſenſchaftlichkeit. Daher hatte der Rationalismus immer das Bedürfniß ſich zu kräftigen durch die Reſultate brauchbarer philoſophiſcher Schulen. So entſprach ſeinem Bedürfniß zuerſt die mathematiſche Methode der Wolff'⸗ ſchen Philoſophie, dieſe wurde abgelöſt durch eine eudämoniſtiſche Popularphiloſophie, dieſer folgte wiederum die ſittlich ernſte kantiſche Philoſophie u. ſ. f.
Beurtheilen wir nun den Rationalismus nach ſeiner Bedeutung für den Geſammtverlauf der Theo⸗ logie, ſo läßt ſich im Voraus nach dem Bemerkten erwarten, daß das Wahrheitsmoment, das er vertreten, zu einem bleibenden Beſtandtheil einer Theologie werden mußte, welche die Gegenſätze des Rationalismus und Supranaturalismus zu einer höheren Einheit zu verbinden gewußt hat. Zunächſt muß es wohl unumwunden anerkannt werden, daß er keineswegs eine bloß negative, ſondern auch eine poſitive Stellung zum Chriſtenthum eingenommen hat. Wer weiß, welche Bedeutung die chriſtliche Religion behalten hätte in einer Zeit allgemeiner Auf⸗ löſung und Zerſtörung, wenn nicht der Rationalismus ſie unter der Firma der Vernunftreligion behaup⸗ tet hätte. Hat er nicht ferner muthig und unerſchrocken den Kampf für die Freiheit des Geiſtes gegen die Feſſeln eines falſchen Autoritätszwanges geführt und ſich dadurch ein bleibendes Verdienſt erworben? Der Rationalismus hat die menſchliche Vernunft wieder in ihre Rechte eingeſetzt und dies kommt aller nachfolgenden Theologie zu gut. Wenn er die Einheit der chriſtlichen und der Vernunftwahrheiten be⸗ hauptet hat, ſo hatte er im Grunde Recht, nur verſtand er unter der Vernunft nicht diejenige, wie ſie beſtimmungsmäßig werden ſoll, ſondern diejenige, wie ſie bereits iſt. Immerhin waltet darin die Tendenz nach einer Ausſöhnung des Menſchlichen und Chriſtlichen ob, die ihre Löſung finden muß in einer Theo⸗ logie, die zwiſchen dem rein Menſchlichen und wahrhaft Chriſtlichen keine unverſohn⸗ baren Gegenſütze mehr erkennt, ſondern beides zu einer unauflöslichen Einheit verſchmolzen weiß.
Möge darum das Wahrheitsmoment des Rationalismus immer mehr zum Beſtandtheil einer Theo⸗ logie werden, welche im Ringen nach Einheit der Weltanſchauung die Ausſohnung der Frömmigkeit des Herzens mit den unabweisbaren Forderungen des Verſtandes, die Ausſöhnung wahrer chriſtlicher Reli⸗ gioſität und moderner Zeitbildung auf ihr Panier geſchrieben.


