Aufsatz 
Ueber Ursachen, Entwickelung und Bedeutung des Rationalismus / von Franz Schwabe
Entstehung
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Ueber Urſachen, Entwickelung und Bedeutung des Rationalismus.

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Vorbemerkungen.

Der antikirchliche, ja antireligiöſe Zug unſerer Tage iſt zum guten Theil als eine Nachwirkung der hiſtoriſch ſo bedeutſamen Erſcheinung des Rationalismus anzuſehen. In dieſer Thatſache nun iſt wohl der Grund zu ſuchen für das von Theologen ſo viel ausgeſprochene und in ſo vielen kirchenge⸗ ſchichtlichen Lehrbüchern ſich findende Urtheil, welches den Rationalismus weſentlich auf die Abſchwächung des religiöſen Bewußtſeins als ſeiner Entſtehungsurſache zurückführt. Dieſer Standpunkt indeſſen begreift weder den Rationalismus als eine hiſtoriſch durchaus nothwendige Erſcheinung, noch erkennt er das Berechtigte in den von ihm vertretenen Grundſätzen irgendwie an; er verkennt über der negativen die poſitive Stellung, welche der Rationalismus zum Chriſtenthum eingenommen; er verkennt, daß der Rationalismus ſiegreich den Kampf geführt hat für die Befreiung des Geiſtes von den Feſſeln eines falſchen Autoritätszwangs. Selbſt Tholuck, der ausdrücklich erklärt, daß die rationaliſtiſche Periode nicht bloß alsEpiſode oderals eine äußerliche Hautkrankheit in der Geſchichte der proteſtantiſchen Theologie anzuſehen ſei, kann dies nur dadurch begründen, daß die Sünde in aller geſchichtlichen Ent⸗ wickelung der Menſchheit ein mehr oder minder mitwirkender Faktor ſei; darum ſtellt er mit dem Rationalismusmannigfache Richtungen des Unglaubens auf gleiche Linie und bezeichnet es als ein falſches, der tieferen religiöſen Wurzel entbehrendes Intereſſe, welches der durch den Rationalismus geförderten hiſtoriſchen Forſchung die Triebkraft verliehen.

Indem wir daher in Nachfolgendem verſuchen, das Hervortreten des Rationalismus als eine durch⸗ aus nothwendige Entwickelungsſtufe des Chriſtenthums darzuſtellen, ſeien uns zuvor einige einleitende Bemerkungen geſtattet. 3

Die höͤchſte Form des menſchlichen Geiſteslebens iſt die religiöſe. Daher iſt es die Aufgabe des Menſchen, die Religion in immer größerem Umfang in ſich aufzunehmen und als Lebensprinzip d. h. als die letzte treibende Kraft in dem geſammten Umkreis aller Lebensaufgaben zu realiſieren. Da es nun hiſtoriſch und pſychologiſch feſtſteht, daß der Menſch es nicht vermag aus ſich ſelbſt heraus die Religion

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