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als das höchſte Geſetz ſeines Geiſteslebens ſelbſtändig zu producieren(wie denn auch darum faſt alle hiſtoriſchen Religionsformen auf übernatürlicher Offenbarung zu beruhen vorgeben), ſo muß bei dem Zuſtandekommen aller Religion ein mittheilender Faktor vorausgeſetzt werden, welcher den Inhalt dar⸗ bietet, den das menſchliche Bewußtſein in ſich aufzunehmen hat. Nun darf es als anerkannte pſycholo⸗ giſche Wahrheit vorausgeſetzt werden, daß ſich das menſchliche Bewußtſein bei dieſer Reception nichts weniger als rein paſſiv, ſondern vielmehr weſentlich aktiv verhält, indem es alles, was ihm von außen herangebracht wird, nach ſeinen eigenen ihm einwohnenden Geſetzen zu begreifen und in ſich aufzunehmen ſucht. Erwägt man nun, daß die chriſtliche Religion den Anſpruch erhebt auf übernatürlicher Offen⸗ barung zu beruhen, und daß es andererſeits in dem Weſen des menſchlichen Bewußtſeins begründet liegt, jene übernatürliche Offenbarung nach ſeinen eigenen Geſetzen zu erfaſſen, ſo ſcheint es uns, als ob wir damit die beiden, die jeweilige Auffaſſungsform des Chriſtenthums konſtituirenden Momente bezeichnet hätten, welche je nach der ſtärkeren Betonung des einen oder des andern in der Geſchichte der chriſtlichen Religion in den Namen Supranaturalismus und Rationalismus ihren Ausdruck gefunden haben. Indem wir alſo in dieſen beiden Richtungen den Widerſpruch der religiöſen Ueberlieferung und des eigenen Denkens erkennen, ſehen wir uns zu der Folgerung genöthigt: 1) daß dieſer Gegenſatz ſchon in der erſten Erſcheinungsform des Chriſtenthums als Keim gelegen haben muß und 2) daß darum das Hervortreten des Rationalismus nur eine nothwendige Entwickelungsſtufe des Chriſtenthums darſtellt.
Wir wollen es nicht unterlaſſen, hier darauf hinzuweiſen, daß dieſer Gegenſatz zwiſchen altväter⸗ licher Ueberlieferung und der Berechtigung freien Dentens ſich durch alle Gebiete geiſtigen Lebens hin⸗ durchzieht, oder was wäre es anderes, wenn ein Copernicus, indem er an die Stelle des geocentriſchen Syſtems das heliocentriſche ſetzt und damit eine neue epochemachende Weltanſchauung begründet, den lebhafteſten Widerſpruch ſeiner Zeitgenoſſen erfährt? Freilich auf dem Gebiet, das die heiligſten In⸗ tereſſen des Menſchengeiſtes umſchließt, auf dem Gebiet der Religion, muß dieſer Gegenſatz ungleich ſchärfer erſcheinen, um ſo ſchärfer, wenn die überlieferten Wahrheiten unmittelbar von der Gottheit ab⸗ geleitet werden. Da es der Zweck dieſer einleitenden Worte nur iſt, unſern Standpunkt in großen Um⸗ riſſen im voraus zu beſtimmen, ſo müſſen wir für die nähere Begründung dieſer Auffaſſungsweiſe aller⸗ dings auf das Nachfolgende verweiſen. Hier kam es uns im voraus nur auf die Betonung des allgemeineren Charakters des rationaliſtiſchen Prinzips an, weil wir von da aus erſt die leitenden Geſichtspunkte gewinnen zur Beurtheilung ſeines geſchichtlichen Verlaufs.
Indem wir das Hervortreten des Rationalismus als nothwendige Entwickelungsſtufe des Chriſten⸗ thums auffaſſen, haben wir zum Beweis hierfür zuerſt die Urſachen des Rationalismus zu entwickeln, dann die hiſtoriſchen Erſcheinungsformen des rationaliſtiſchen Prinzips zu beleuchten und hierauf unſer Urtheil über die Bedeutung des Rationalismus zu gründen.
Arſachen des Rationalismus.
Es iſt durchaus nicht zufällig, daß der Rationalismus gerade auf proteſtantiſchem Boden zur voll⸗ ſten Entfaltung gelangt iſt, denn ſeine Wurzeln ruhen bereits in der erſten Erſcheinungsform des Pro⸗ teſtantismus, ruhen in dem Verhältniß, in welches ſich Luther zur Theologie des Mittelalters geſetzt hat. In dieſer wurden die chriſtlichen Wahrheiten zwar als übervernünftig anerkannt und darum die Kirchen⸗ lehre überall als unbedingt wahr vorausgeſetzt, aber nach dem Grundſatz der fides quaerens intellectum (Anſelm) ſuchte man die einzelnen Dogmen vor dem durch ariſtoteliſche Dialektik gebildeten Verſtand zu


