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rechtfertigen und als vernünftig zu erweiſen(Thomas von Aquino). Indem aber Abälard lehrte, daß nur das Eingeſehene zu glauben ſei, ſtand er im direkteſten Widerſpruch mit der mittelalterlichen Kirche, die doch„in ſtrengſter Aeußerlichkeit die Behauptung ihrer Unfehlbarkeit durchführte“; indem er aber andererſeits zugleich die unbedingte Geltung der Kirchenlehre behauptete, iſt er ein Repräſentant des inneren Gegenſatzes der Scholaſtik: in ihr ruht der Widerſpruch des ſtrengſten Supranaturalismus und Rationalismus noch unerkannt und unverſöhnt.
Welche Stellung nahm nun Luther dieſem Problem gegenüber ein? Er hat ſich an ſehr zahl⸗
reichen Stellen auf das deutlichſte dahin ausgeſprochen, daß 1) Philoſophie oder Vernunft gar nichts mit Religion gemein habe, daß aber 2) die Vernunft alle Lebensgebiete, die außerhalb der Religionsgemeinſchaft liegen, beherrſchen dürfe, wenn ſie ſich nur nicht in geiſtliche Dinge miſche*).
Wie ſehr uns dieſe eigenthümliche Anſchauungsweiſe Luthers geſchichtlich begreiflich erſcheint, weil ſie eben im Gegenſatz gegen die ſcholaſtiſche Auffaſſungsweiſe entſtanden iſt, ebenſo ſicher ſcheint es uns feſtzuſtehen, daß jene abſolute Trennung des religiöſen und des Vernunftgebiets gegen die Einheit des geiſtigen Lebens verſtößt, denn wenn man, wie es oben ausgeſprochen iſt, die Religion als ein in der Erfüllung aller Lebensaufgaben ſich wirkſam erweiſendes Prinzip erkennt, ſo kann ſich das Gebiet religiöſen Lebens nicht gleichgültig verhalten gegen die übrigen Lebensgebiete. Während in der ſcholaſtiſchen Periode die Einheit des geiſtigen Lebens dadurch gewahrt blieb, daß die Kirche auch den Staat und das bürger⸗ liche Leben ſich unterordnete, war in dem Compromiß, wie ihn Luther verſucht, jene Einheit geſtört. Wie ſehr man es anerkennen mag, daß Luther jeden der beiden Faktoren, Offenbarung und Vernunft, als an ſich durchaus berechtigt anerkannt hat, ſo muß auf der anderen Seite doch behauptet werden, daß nach dem Geſetz der Geſchichte, wonach jede einmal eingeſchlagene Gedankenrichtung bis zur letzten Kon⸗ ſequenz fortgebildet wird, jener innere Widerſpruch in der theoretiſchen Anſchauung Luthers ſich bei weiterer Entwickelung des proteſtantiſchen Prinzips zum offenen und bewußten Gegenſatz entfalten mußte. Hierin alſo ſcheint uns die tiefere Urſache der ſpäteren Erſcheinung des Rationalismus zu liegen.
In nicht geringer Weiſe muß ferner die Periode der luth. Orthodoxie in verſchiedener Hinſicht ver⸗ antwortlich gemacht werden für die nachfolgende theologiſche Aufklärung. Nachdem das proteſtantiſche Prinzip ſeine erſte wiſſenſchaftliche Ausprägung gewonnen hatte, wurde dieſe Form des Proteſtantismus für das Weſen deſſelben, und jede Abweichung von ihr als ein Abfall vom Proteſtantismus angeſehen, und indem faſt zwei Jahrhunderte hindurch die Dogmatiker es als ihre Aufgabe betrachteten, das luth. Sy⸗ ſtem in ſeinen feinſten Begriffsbeſtimmungen weiter auszubilden, entſtand ein dogmatiſcher Scholaſtieismus, deſſen einſeitige Verſtandesbildung durchaus dieſelbe Geiſtesrichtung bezeichnet, welche ſich ſpäter, durch andere Vorausſetzungen und Einflüſſe modificiert, in der Aufklärungsperiode fortſetzt.
Dies beſtätigt ſich zunächſt an der geſchichtlich merkwürdigen Erſcheinung des Socinianismus, der ein halb ſupranaturaliſtiſches, halb rationaliſtiſches Gepräge hat. In ihm wird nämlich die Bethätigung der Vernunft als eines Maßſtabes geſetzmäßigen Erkennens zuerſt prinzipiell geltend gemacht; es wird hier grundſätzlich geltend gemacht, was bis dahin in der proteſtantiſchen Theologie ſtillſchweigend mitge⸗ wirkt hatte. Die ſymboliſchen Bücher geben nämlich der Vernunft durchaus dieſelbe Stellung gegenüber
*) ad 1.„Die Vernunft vermag etwas in zeitlichen Dingen, aber nicht in ewigen.“—„Sie kann nicht alle irdi⸗ ſchen Dinge erforſchen, viel weniger geiſtliche Sachen.“—„Wider die Philoſophie ſind die Art. des Glaubens.“—„Man ſoll die Philoſophie lehren und lernen und nicht in die Theologie mengen.“
ad 2.„Die Vernunft iſt zu ziehen in das äußerliche Leben und Regiment.“—„Sie iſt das Herz und Brunnquell aller Geſetze und Rechte.“—„Ihr kommt das weltliche Regiment zu, nicht die Gewiſſen zu regieren.“
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