Aufsatz 
Ueber Ursachen, Entwickelung und Bedeutung des Rationalismus / von Franz Schwabe
Entstehung
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der Offenbarung wie Luther.(Vgl. F. C.[R.], 657. 647. 643. 640.) Und da die altproteſtantiſchen Dogmatiker die ſymboliſchen Bücher wie ein Geſetz anſahen, ſo iſt es natürlich, daß auch in ihnen der innere Widerſpruch der luth. Anſchauungsweiſe fortwirkt. Denn wenn Luther die bibliſchen Schriften danach beurtheilt, wiefern ſieChriſtum treiben, wenn er von einer ſtrohernen Epiſtel redet, und wenn er andererſeits die beſtimmte Auslegung eines einfachen Wortes um den Preis der Einheit der ev. Kirche erkauft, ſo iſt ihm dabei doch immer die Vernunft der Maßſtab für die Feſtſtellung deſſen, was in der h. Schrift als Offenbarung anzuſehen ſei, wenn er auch immerhin behauptet, mit der Vernunft könne manChriſti Wort nicht urtheilen, richten noch ermeſſen.

Indem alſo der Socinianismus*) ſich zum ſtrengſten Offenbarungsbegriff bekennt, jede natürliche Gotteserkenntniß in Abrede ſtellt, von vornherein anerkennt, daß die Vernunft ſich nur receptiv verhalte gegen die Offenbarung; wenn er behauptet, daß die Offenbarung in der Schrift niedergelegt, aber mit fremdartigen Stoffen vermiſcht ſei, und daß es darum einer kritiſchen Thätigkeit der Vernunft bedürfe, um den reinen Offenbarungsinhalt feſtzuſtellen, ſo können wir darin nur die in grundſätzliche Anwendung umgeſetzte Verfahrungsweiſe Luthers ſehen. Daß aber dieſer ſocinianiſche Grundſatz mit innerer Noth⸗ wendigkeit zum Rationalismus führt, ergiebt ſich aus Folgendem.

Die Vernunft kann nur das ihren Geſetzen Entſprechende als vernünftig anerkennen. Alles, was ſich daher der Beurtheilung nach ihren Geſetzen entzieht, erſcheint ihr widervernünftig. Die als überver⸗ nünftig vorausgeſetzten chriſtlichen Offenbarungswahrheiten entziehen ſich aber natürlich der Beurtheilung nach Vernunftgeſetzen und erſcheinen alſo ebenfalls als widervernünftig. Deshalb mußte der praktiſche Erfolg der ſein, daß der Socinianismus trotz ſeines ſtrengen Offenbarungsbegriffs je nach der milderen oder konſequenteren Anwendung ſeines Grundſatzes dem Ziel des Rationalismus zuſteuerte.

In einer andern Beziehung trifft die luth. Orthodoxie eine ungleich größere Verantwortlichkeit für die nachfolgende Aufklärung. Inſofern in der proteſtantiſchen Scholaſtik die Zugehörigkeit zum Pro⸗ teſtantismus weſentlich abhängig gemacht wird von der Anerkennung beſtimmter Formeln und inſofern dadurch das religiöſe Moment nur als Sache der Erkenntniß aufgefaßt wird, zeigt ſich darin eine ein⸗ ſeitige Vernachläſſigung der praktiſchen Seite des Chriſtenthums. Hiermit iſt der Punkt bezeichnet, der ebenſowohl die Reaktion des Pietismus als die des Rationalismus hervorgerufen hat. Es iſt eine charakteriſtiſche Thatſache, daß die luth. Orthodoxie es nicht vermocht hat, aus dem Prinzip des Chriſten⸗ thums heraus ein Moralſyſtem zu bilden, und der einzige Verſuch, der in jener Zeit gemacht worden iſt durch den von den ſtrengen Lutheranern ſo angefeindeten G. Calixt(Epitome theologiae moralis), blieb ohne alle Nachwirkung. Tholuck bezeichnet dieſe Einſeitigkeit der orthodoxen Epoche charakteriſtiſch mit der Bemerkung, daßder Glaube an die Rechtfertigung und die guten Werke nebeneinander gepredigt worden wären. Dieſer Umſtand läßt es uns begreiflich erſcheinen, daß die Reaktion der Aufklärung ge⸗ rade die Tendenz der Humanität, alſo die von der luth. Orthodoxie vernachläſſigte praktiſche Seite des Chriſtenthums betonte, und daß ſie dieſer ethiſchen Tendenz eine allgemeine Grundlage zu geben verſuchte in der Behauptung der Autonomie der Vernunft, denn ſie mußte ja doch von der Vorausſetzung ausgehen, daß die luth. Orthodoxie den hiſtoriſchen Beweis für die Unfähigkeit des kirchlichen Dogmas erbracht hätte, eine ſolche allgemeine Grundlage zu bieten, aus der eine ethiſche Lebensordnung ſich entwickeln laſſe.

In faſt entgegengeſetzter Weiſe als die Orthodoxie hat der Pietismus dem Rationalismus vorge⸗ arbeitet. Der in der Orthodoxie vorherrſchenden einſeitigen Auffaſſung der Religion als einer Sache der Erkenntniß hatte der Pietismus mit gutem Recht ein lebendiges praktiſches Chriſtenthum entgegengeſtellt, das in dem halliſchen Waiſenhaus ein ruhmvolles Denkmal eines in Liebe thätigen Glaubens beſitzt.

*) Vergl. Focks Geſch. d. Socinianismus. 1847.