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Allein die religiöſe Innigkeit eines Spener artete in ſeinen Nachfolgern zur religiöſen Schwärmerei aus, die keinen Sinn bewahrte für die objektiven kirchlichen Formen, die konventionelle Ordnungen nicht für bindend erachtete, und die in den Konventikeln der„Erweckten“ einen von Hochmuth getragenen Sek⸗ tengeiſt herausbildete, der ſeine Geringſchätzung des poſitiven hiſtoriſchen Faktors der chriſtl. Religion mit dem Rationalismus vollſtändig theilt. Indem ſo der Pietismus in ſeiner Gleichgültigkeit gegen die „Auffaſſung der Religion in der Lehre“ zerſetzend und ahflöſend wirkte, und indem er in ſeinem einſei⸗ tigen Subjektivismus keinen Sinn behielt für das geſchichtlich Gewordene und darum bis zur Indifferenz gegen den Unterſchied der Konfeſſionen, ja ſelbſt der Religionen(Tobias Eisler, Offyrius, Brendel) fort⸗ ſchritt, dokumentirte er ſeine innere Verwandtſchaft mit dem Rationalismus. Sobald die Lebendigkeit des religiöſen Sinnes ſich abſchwächte, vollzog ſich unter der Hand die Umwandlung des ausgearteten Pietis⸗ mus in Rationalismus.
Viel intenſiver und darum weit mehr beachtet iſt der Einfluß der Philoſophie auf die rationali⸗ ſtiſche Geſtaltung der Theologie geworden, und zwar iſt es hier zunächſt das Ausland, von dem die Im⸗ pulſe ausgehen, indem die deiſtiſche Literatur, wie ſie ſich nach der Revolution und Reſtauration in England entwickelt hatte, durch die geſteigerten literariſchen Verkehrsmittel in Deutſchland Eingang findet*).
Doch alle dieſe mehr gelegentlichen Einflüſſe treten zurück vor der Einwirkung der inländiſchen Philoſophie. Die formelle Verſtandesbildung, die bis dahin ſich vorzugsweiſe an dem orthodoxen Syſtem entwickelt hatte, erfuhr eine Gradation zunächſt durch den Einfluß der Wolff'ſchen Philoſophie.
Die Orthodoxie iſt nun doch einmal weſentlich Intellektualismus und inſofern ſie dem Pietismus gegenüber ihr einſeitiges Dringen auf verſtandesmäßige Erfaſſung des religiöſen Inhalts erneuerte, kam ihr die Wolff'ſche Philoſophie ſehr gelegen, um ſo eher, als dieſelbe, ſoweit ſie von ihrem Urheber auf die Religion angewendet wurde, einen ſelbſt in der Ausdrucksweiſe theologiſchen Charakter hatte und ſich durchaus auf kirchlichem Boden bewegte. Dies iſt der Grund, weshalb die Wolff'ſche Philoſophie ſo leicht in der Theologie Eingang gefunden hat.
Daß aber dieſe Philoſophie bei konſequenter Fortbildung zum theologiſchen Naturalismus führen mußte, ergiebt ſich aus Folgendem. Die göttliche Offenbarung in der h. Schrift wird von Wolff voll⸗ kommen anerkannt(Theologia naturalis I,§ 19, p. 20„in Scriptura sacra vero traduntur, quae ad Theologiam revelatam spectant“), aber zugleich behauptet er, es gebe eine natürliche Offenbarung in der menſchlichen Vernunft und dieſe ſtimme mit jener überein, denn„philosophia veri nominis non minus a deo est, quam scriptura ipsa.“(Theol. nat. I,§ 290.)„Revelatio divina continere nequit, quae rationi vel experientiae contradicunt.“(Ibid.§ 464.)„Etenim in Scriptura sacra ea quoque ſsc. de deo] docentur, quae ex principiis rationis de eodem demonstrari possunt.“ (Ib.§ 22.)
Durch dieſe Uebereinſtimmung ſei es ſogar möglich, die Göttlichkeit der h. Schrift zu beweiſen. Ibid. I,§ 18, p. 19:„Theologia naturalis inservit divinitati S. S. evincendae.“„Quamobrem cum in ipsa Theologia naturali demonstretur consensum hunc Theologiae naturalis cum Scriptura sacra esse aliquod requisitum divinae revelationis; per eundem probabilis üit Scripturae sacrae divinitas.“
*) Allgemeinere Beachtung von Seiten der deutſchen Theologen findet die deiſtiſche Literatur übrigens erſt ſeit der Ueberſetzung der Schrift Tindals:„Christianity as old as the creation“, der den Höhepunkt der deiſtiſchen Richtung bezeichnet. Auch in Ueberſetzungen von Predigtſammlungen fanden deiſtiſche Ideen unter der Hand in Deutſchland Eingang. Der Vater G. E. Leſſings gab eine Sammlung von 11 Predigten heraus, und eine andere umfangreichere Sammlung wurde von Mosheim mit einem Vorwort verſehen.


