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vor, und ſobald man ihren Widerſpruch erkannte und durch die erwachende bibliſch⸗hiſtoriſche Kritik zu der Erkenntniß geführt wurde, daß der ganze Schriftinhalt nicht ein Werk der Inſpiration und darum nicht von gleicher Bedeutung für die Gegenwart ſein könne(Semler), fing man an alle anſtößigen Lehren auszumerzen und mit Hülfe der Accommodationsmethode und der natürlichen Auslegung alles Unbequeme zu beſeitigen(Bahrdt). Freilich konnte eine ſo äußerliche Ausſöhnung nicht lange be⸗ friedigen; daher mußte die einmal eingeſchlagene Geiſtesrichtung mit innerer Konſequenz zur Erkenntniß der Unverſöhnlichkeit von Offenbarungs⸗ und Vernunftwahrheiten und ſomit zur Leugnung jeder Art von übernatürlicher Offenbarung führen d. h. zum eigentlichen Naturalismus. Nun wäre der Bankerott dieſer Art von Theologie evident geweſen, hätte nicht die neu erwachende Energie philoſophiſchen Denkens einen ſpekulativen Rationalismus herausgebildet, der zwar durch einige Jahrzehnte den endgültigen Bank⸗ bruch des Rationalismus aufzuhalten, ſchließlich aber doch nicht zu hindern vermochte.
Wir haben oben als die bleibende Bedeutung des Rationalismus die Geltendmachung des Vernunft⸗ intereſſes bezeichnet, wir haben dann geſehen, wie der Rationalismus durch die Art, wie er dieſe Rechte geltend machte, zur völligen Leugnung der Offenbarung überhaupt geführt hat. Wie wir in der erſten Beziehung das Recht des Rationalismus erkennen, ſo ſehen wir in der zweiten ſein Unrecht. Um nun die Erſcheinung des Rationalismus richtig zu beurtheilen, müſſen wir ihn in ſeinem Verhältniß zum Supranaturalismus betrachten*).
Der Kernpunkt, um den der ganze Streit ſich dreht, iſt die Beſtimmung des Verhältniſſes von Offenbarung und Vernunft. Die Kirchenlehre begründet die Nothwendigkeit der Offenbarung dadurch, daß ſie eine durch Adams Fall verurſachte Verfinſterung der menſchlichen Vernunft behauptet. In Folge dieſer Verfinſterung vermag der Menſch, das Ebenbild Gottes, ſeine Beſtimmung nicht mehr zu erkennen. Darum mußte Gott, wenn anders er ſeinen Zweck an der Menſchheit erreichen wollte, dieſem Mangel auf übernatürliche Weiſe abhelfen. Deshalb erleuchtete er beſtimmte Männer durch den h. Geiſt, die ſeine auf übernatürliche Weiſe mitgetheilten übervernünftigen Offenbarungswahrheiten aufzeichneten. So entſtanden die bibliſchen Schriften..
Die in ihnen enthaltenen Wahrheiten ſtehen aber in einem ſo transcendentalen Verhältniß zur menſchlichen Vernunft, daß ſie von dieſer niemals erkannt werden. So lehrt alſo der Supranaturalismus eine Offenbarung, die doch nie offenbar werden kann, und behauptet die Mittheilung übervernünftiger Erkenntniſſe, die doch nie erkannt werden können.
Ja ſelbſt die wiedergeborene Vernunft hat vor der unwiedergeborenen nichts weiter voraus, als daß ſie ſich nicht in ein feindſeliges Verhältniß zur Offenbarung ſetzt, ſondern ſich ihr unbedingt unter⸗ ordnet.
Dieſer durchaus einſeitigen Auffaſſung ſtellt nun der Rationalismus das entgegengeſetzte Extrem gegenüber. Der ſupranaturaliſtiſche Offenbarungsbegriff iſt durchaus unpſychologiſch, indem er ohne alles Zuthun dem Menſchen übervernünftige Wahrheiten eingießen läßt, die darum doch ewig fremd bleiben müſſen.
Dieſer völligen Paſſivität der menſchlichen Vernunft gegenüber macht der Rationalismus die Selbſt⸗ thätigkeit derſelben geltend, aber er verſteht nicht, daß dieſe ſich mit einer kontinuirlichen Receptivität ſehr wohl verträgt, ja ſogar dieſe zur nothwendigen Vorausſetzung hat, ſonſt würde der Rationalismus nie bis zur Erſchütterung der Grundwahrheiten des Chriſtenthums gelangt ſein.
Fragen wir, warum der Rationalismus es nicht vermocht hat, über dieſen einſeitigen Standpunkt hinwegzukommen, ſo lautet die Antwort: er hat mit dem Supranaturalismus dieſelbe fehlerhafte Voraus⸗
*) Vergl. hierzu die betreffenden Abſchnitte in O. Pfleiderers„Das Weſen der Religion.“ 4


