Aufsatz 
Ueber Ursachen, Entwickelung und Bedeutung des Rationalismus / von Franz Schwabe
Entstehung
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Fragen oft nur den Deckmantel politiſcher Beſtrebungen, und wir ſehen daher ſchließlich den Rationalis⸗ mus ausmünden einerſeits in der Revolution von 1848, andererſeits in der ungezügelten Oppoſition der Maſſen gegen kirchliche Lehre und kirchliches Leben.

Bedeutung und Beurtheilung des Rationalismus.

Die bleibende Bedeutung des Rationalismus liegt in der Geltendmachung des bis dahin ſo ſehr verkümmerten Rechts der Vernunft, alles nach den ihr einwohnenden Geſetzen zu erkennen, eines Rechts, auf welches die Theologie nicht Verzicht leiſten kann, ohne ihren viſſeenſchaftlichen und proteſtantiſchen Charakter zugleich preiszugeben. In der grundſätzlichen Geltendmachung dieſes Rechts ſehen wir nämlich eine Fortbildung des dem Proteſtantismus zu Grund liegenden Prinzips, wel⸗ ches Luther in ſeiner Schrift:Von der Freiheit eines Chriſtenmenſchen, ſo klar gekennzeichnet hat, wenn er ſagt:Ein Chriſtenmenſch iſt ein freier Herr aller Dinge und gleich darauf den Grund an⸗ gibt:frei iſt er durch den Glauben. In dieſem Prinzip des Proteſtantismus, welches dem blinden Autoritätsprinzip des Katholicismus direkt entgegengeſetzt iſt, liegt die Freiheit wiſſenſchaftlichen Forſchens und ſelbſtändigen Denkens begründet und dies wiederum erklärt es, warum der Rationalismus gerade auf proteſtantiſchem Boden zur vollſten Entfaltung gelangt iſt. Aber das proteſtantiſche Prinzip iſt mit ſeiner erſten kirchlichen Erſcheinungsform keineswegs identiſch, ſondern iſt eines unendlichen Entwickelungs⸗ prozeſſes ebenſo fähig als bedürftig.

War ſchon bei Luther das Vernunftintereſſe durch das religiöſe bedeutend eingeſchränkt(S. 3), ſo erfuhr doch das proteſtantiſche Prinzip eine weit bedenklichere Trübung, als man ſich daran gewöhnte, die proteſtantiſche Kirche nur als geläuterten Katholicismus anzuſehen; ja es war ein Abfall von der Idee der Proteſtantismus, als man die Freiheit der Schriftauslegung an die Autorität der ſymboliſchen Bücher band und den evangeliſchen Glaubensbegriff wieder als theoretiſches Feſthalten an kirchlichen Lehrſätzen faßte, wie ſehr dies auch durch die Vermiſchung des Staatlichen und Kirchlichen geſchichtlich begreiflich erſcheinen mag.:

Dieſe Einſchränkung der Vernunftfreiheit mußte mit geſchichtlicher Nothwendigkeit zu einer Reaktion führen, und indem das vernachläſſigte Vernunftintereſſe wieder hervorgekehrt wurde, erfuhr das ver⸗ kümmerte rationaliſtiſche Prinzip eine weitere Fortbildung. In dem Maße aber, in welchem das Denken zum Bewußtſein ſeines Rechts erwachte, nahm es eine immer feindſeligere Stellung zum kirchlichen Dogma ein, bis es endlich in ſeiner äußerſten Konſequenz zum völligen Bruch mit demſelben gelangte. Eine unbefangene Bewegung des Denkens im Gebiet kirchlicher Dogmen, wie es der Scholaſtik eigen⸗ thümlich war, wird nun unmöglich, weil die dort gemachte Vorausſetzung geſchwunden iſt, daß im Dogma allein die objektive Wahrheit zu finden ſei; jetzt nimmt die Vernunft vielmehr im Gebiet der natürlichen Erkenntniß ihren Standpunkt. Aber die Unverträglichkeit beider Standpunkte kam nicht gleich zum klaren Bewußtſein, daher ſuchte man die Gegenſätze durch Kompromiſſe auszugleichen. Zunächſt werden zwar die kirchlichen Dogmen, als auf übernatürlicher Offenbarung beruhend, unumwunden an⸗ erkannt, aber gleichzeitig wird die volle Uebereinſtimmung der Offenbarungs⸗ und Vernunftwahrheiten behauptet. Dabei waltet anfangs ſogar noch eine durchaus poſitive Tendenz vor, indem der Verſuch gemacht wird, vermittelſt der mathematiſchen Methode den Dogmen größere Sicherheit zu geben(Weigel, Wolff). Aber auf dieſem Standpunkt erſchien alle Offenbarung im Grunde überflüſſig, und ſo war es ganz konſequent, wenn ſie höchſtens als ein Vehikel der natürlichen Vernunfterkenntniß angeſehen wurde (Leſſing).

Allein die Vorausſetzung der Identität von Offenbarungs⸗ und Vernunftwahrheiten hielt nicht lange