Vorbild*) angeſehen, ſondern es wurde jetzt die gemeinſchaftbildende Kraft des chriſtlichen Prinzips in den Vordergrund geſtellt— kurz, wir ſehen in der Schleiermacher'ſchen Theologie das Falſche des Rationalismus bereits vollſtändig überwunden.
Wie klar ſich Schleiermacher deſſen bewußt iſt, geht mit Beſtimmtheit aus I.§ 19 hervor, wo die Einſeitigkeiten des Rationalismus und Supernaturalismus, wenn auch ohne Anwendung dieſer Bezeich⸗ nungsweiſen, klargelegt werden, und die höhere Einheit beider Gegenſätze in der Thatſache gefunden wird, daß„Offenbarung nur in Verbindung mit ihrer Auffaſſung“ vorkomme(S. 96).
Da erhielt auf einmal der Rationalismus eine neue Stütze in der Hegel'ſchen Philoſophie. Seit Kant hatte die Philoſophie wieder ein großes Uebergewicht über Religion und Theologie erlangt und dieſem Uebergewicht iſt es zuzuſchreiben, daß auch der nun auftauchende Hegelianismus zur entſchiedenen Herrſchaft über den Zeitgeiſt gelangte. Dieſe Philoſophie bezeichnete als oberſtes Erkenntnißprinzip das„autonomiſche Denken in freier dialektiſcher Selbſtentwickelung“ und zwar in der Vorausſetzung, daß das Reſultat dieſer fortſchreitenden dialektiſchen Explikation mit dem poſitiven Chriſtenthum zuſammenfalle. Den Mittelpunkt dieſes Syſtems bildet die in der Welt und in der Weltgeſchichte nach ihrem logiſchen Geſetz ſich entfaltende Idee des Abſoluten(Gottes). Die verſchiedenen hiſtoriſchen Religionsformen bezeichnen daher nur Ent⸗ wickelungspunkte des göttlichen Selbſtbewußtſeins. Das Chriſtenthum iſt die vollendete Offenbarung, in⸗ ſofern in dieſer Religion die Einheit des Göttlichen und Menſchlichen zum Bewußtſein gelangt. Die kirchlichen Dogmen(Trinität, Gottmenſchheit u. ſ. w.) werden dieſen Ideen gemäß umgedeutet. Die auf Hegel ſich ſtützende Theologie ging in zwei Richtungen auseinander. Die eine, rechte, behielt die Me⸗ thode philoſophiſcher Umdeutung der kirchlichen Dogmen bei, die andere, linke, zog die Konſequenzen der Hegel'ſchen Religionsphiloſophie. Als Vertreter der erſteren nennen wir R oſenkranz, der in der Per⸗ ſon Chriſti die verwirklichte abſolute Idee ſah und als das Reſultat der ſpekulativen Vernunft das Chri⸗ ſtenthum bezeichnet**).
David Strauß dagegen, der extremſte Vertreter des ſpekulativen Rationalismus, ſprach den be⸗ rühmten Satz aus, daß es gar nicht die Art der ewigen Idee ſei, ihre ganze Fülle in ein Exemplar aus⸗ zugießen und beraubte damit den hiſtoriſchen Träger der Idee der Gottmenſchheit ſeiner ſpecifiſchen Au⸗ torität. Dem der erſten Form des Chriſtenthums ſo weſentlichen übernatürlichen Charakter ſtellte Strauß die mythiſche Zerſetzung aller geſchichtlichen Ueberlieferung entgegen. Kurz auf Grund der Hegel'ſchen Philoſophie wurden die Grundgedanken des Chriſtenthums in Frage geſtellt. Tübingen wurde die Hoch⸗ ſchule, auf der die Hegel'ſche Philoſophie die bedeutendſten theologiſchen Vertreter fand.(Baur, Zel⸗ ler, Marheineke, Vatke, B. Bauer u. ſ. w.)
Wie im 18. Jahrhundert, ſo verläuft auch in der erſten Hälfte des 19. der Rationalismus nichts weniger als in einer geraden Linie, ſondern wie alle Geſchichte in Gegenſätzen. Dieſer neue ſpekulative Rationalismus rief eine lebhafte Oppoſition hervor einerſeits bei ſolchen, die von der neuerwachten Strö⸗ mung religiöſen Lebens ergriffen waren, andererſeits bei den Staatsregierungen. Als nämlich ſeit dem Regierungsantritt Friedrich Wilhelms IV. die Begünſtigung der ſtrengeren religiöſen Richtung durch die Regierung immer deutlicher zu Tage trat, machte der religiöſe Rationalismus gemeinſame Sache mit der politiſchen Oppoſition, die durch die allzu unentſchloſſene Haltung der Regierung hervorgerufen worden war. Dieſer Umſtand macht es erklärlich, daß die rationaliſtiſche Denkweiſe in immer weitere Kreiſe drang und insbeſondere in die niederen Volksſchichten, denn die einmal eingenommene Stellung konnte ihre wichtigſte Stütze begreiflicherweiſe nur in der Zuſtimmung der Maſſen finden. So bildeten kirchliche
*) Vergl. II.§ 80; I.§ 18. **) Vergl.„Kritiſche Erläuterungen des Hegel'ſchen Syſtems“ 1840.


