Aufsatz 
Ueber Ursachen, Entwickelung und Bedeutung des Rationalismus / von Franz Schwabe
Entstehung
Einzelbild herunterladen

22

ſich aufraffte gegen den Erbfeind und für eine Idee kämpfte, weckte den idealen Zug des deutſchen Volks⸗ geiſtes und konnte darum auch auf das religiöſe und kirchliche Leben, indirect alſo auch auf die Theologie nicht ohne Einfluß bleiben. Es erheben ſich daher wieder heftiger die Stimmen im andern Lager gegen den Rationalismus, Tittmann, Reinhard, Sartorius u. A. Niemand aber hatte vielleicht kla⸗ rer den Charakter der herrſchenden Geiſtesrichtung erkannt, als Fichte. Mit ſchneidender Schärfe be⸗ zeichnet er in ſeinenGrundzügen des gegenwärtigen Zeitalters(Geſammtausgabe, 2. Vorleſung, S. 2) als dieGrundmaxime des Zeitalters dieſes: durchaus nichts als ſeiend und bindend gelten zu laſſen, als dasjenige, was man verſtehe und klärlich begreife.Es wird, ſo heißt es auf Seite 31,mit un⸗ ausſprechlichem Mitleid und Bedauern herabſehen auf die früheren Zeitalter, in denen die Menſchen noch ſo blödſinnig waren, durch ein Geſpenſt von Tugend und durch den Traum einer überſinnlichen Welt den ihnen ſchon vor dem Munde ſchwebenden Genuß ſich entreißen zu laſſen.

Die Energie des neu erwachten philoſophiſchen Denkens hatte die Popularphiloſophie des geſunden Menſchenverſtandes in ſich überwunden, indem ſie an deſſen Stelle entweder den Kriticismus(Kant) oder die Spekulation(Fichte) oder dieAutonomie des Denkens in freier dialektiſcher Selbſtentwickelung (Hegel) oder die produktive Phantaſie und das Gefühl ſetzte(Schelling).

In dieſer Zeit war es Schleiermacher, der durch ſein Werk:Der chriſtliche Glaube nach den Grundſätzen der evangeliſchen Kirche im Zuſammenhange dargeſtellt*),ein Denkmal religiöſer Begeiſt⸗ rung und wiſſenſchaftlicher Denkkraft, durch ſeine neue Auffaſſung und Begründung des chriſtlichen Prin⸗ zips epochemachend für die deutſche Theologie wurde. Schleiermachers Glaubenslehre will keiner Partei dienen, ſondern dem,was keine Partei preisgeben darf. Darum ſucht er zunächſt die Religion ſo in das Centrum des menſchlichen Geiſteslebens hineinzuſtellen, daß ſie über die Mißſtände des theore⸗ tiſchen Supranaturalismus und des moraliſchen Rationalismus hinausgehoben wird. Schleiermacher erklärt im§ 8 der Glaubenslehre(S. 32):Die Frömmigkeit an ſich iſt weder ein Wiſſen noch ein Thun, ſondern eine Neigung und Beſtimmtheit des Gefühls. Hier wird zuerſt das Problem geſtellt, die Religion als ein im innerſten Geiſtesleben wurzelndes und darum in allen Lebensfunktionen ſich äußern⸗ des Prinzip aufzufaſſen**). Dieſe Anſchauung war der orthodoxen wie der rationaliſtiſchen diametral entgegengeſetzt. Während bei dieſer die äußere Autorität der auf ein Buch geſtützten Offenbarung, bei jener diefreie Subjektivität oder dergeſunde Menſchenverſtand zum Maßſtab der chriſtlichen Heils⸗ wahrheiten gemacht wurde, hat die Schleiermacher'ſche Theologie die Selbſtgewißheit der Religion auf innere Erfahrung, auf das Abhängigkeitsgefühl von Gott, alſo auf ein der Philoſophie verſchloſſenes Feld geſtellt. Auf dieſem Standpunkt war die Wahrheit der chriſtlichen Religion nicht von den Re⸗ ſultaten hiſtoriſcher oder philoſophiſcher Kritik abhängig gemacht, und darum hat Schleiermacher vie⸗ len das befreiende Wort geſprochen, denen bisher nur die Reſultate der weltlichen Wiſſenſchaften die Zu⸗ ſtimmung zu der Kirchenlehre zu verbieten ſchienen. Der Zuſammenhang der chriſtlichen Gemeinde mit ihrem Stifter wurde hier nicht mehr als ein äußerlicher**r), Chriſtus nicht mehr als ein bloß moraliſches

*) Wir beziehen uns auf die Ausg. v. 1828. Reutlingen.

**) Schleiermacher beſchränkt natürlich nicht die Religion lediglich auf das Gefühl, ſondern bezeichnet dieſes nur als das Urſprüngliche, Wiſſen und Thun aber als das Abgeleitete(S. 33).Wiſſen und Thun verhalten ſich zur Frömmigkeit wie der äußere Umfang zu dem inneren Mittelpunkt und Heerd des Lebens(S. 36). Indeſſen wird das WortGefühl in einem ungewöhnlichen Sinn gebraucht, indem er drei Stufen des Gefühls unterſcheidet, deren höchſte er als das ſchlecht⸗ hinnige Abhängigkeitsgefühl von Gott definirt(8 10). Die Schleiermacher'ſche Auffaſſung erhellt aber erſt deutlich aus ſeinen in der Dialektik(§ 219 ff.) gegebenen Beſtimmungen über das Verhältniß von Gott und Welt.

**) Vergl. II.§ 146..