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vervollkommnung behauptet wurde? War nicht die Behauptung eines Chriſtenthums, das nicht noth⸗ wendig an Chriſtus geknüpft ſei, der evidente Bankerott chriſtlicher Theologie?
Es erſcheint faſt noch wie eine großmüthige Conceſſion, wenn wenigſtens das hiſtoriſche Chriſten⸗ thum als ein„Vehikel der Vernunftreligion“ geltend gemacht wird. Freilich wollte man hiermit keines⸗ wegs behaupten, daß die chriſtliche Religion der Verbeſſerung entbehren könne, ja man behauptete die Nothwendigkeit ſolcher Verbeſſerung offen unter der Form der„Perfektibilität“ des Chriſtenthums. Krug ſpricht es in ſeinem Schriftchen„Philoſophiſches Gutachten in Sachen des Razionalismus und des Super⸗ naturalismus“ auf S. 41 unumwunden aus:„Daher iſt der Razionalismus auch mit dem Perfektibi⸗ lismus nothwendig verbunden.“ In ſeinen Briefen über die Perfektibilität der chriſtlichen Religion hatte er rundweg erklärt:„Es gibt keine vollkommene Offenbarung.“ Ja ſelbſt das Ideal ſittlicher Schönheit in der Perſon Chriſti ließ man nicht unangetaſtet: die bisher in allen Schwierigkeiten immer aushelfende„Accommodation“ wurde als„moraliſche Schwäche“ gedeutet(RiemI), wenn nicht, wie im Gabler'ſchen Journal, ein milderer Sinn in den Lehren vom Weltgericht, von der Paruſie, der Teu⸗ felslehre ꝛc. nur„verzeihliche Irrthümer“ ſah.
Die Brücke, welche allein aus einer ſolchen Veräußerlichung der chriſtlichen Religion zu einer lebendigeren Erfaſſung des chriſtlichen Prinzips von Seiten der Theologie überleiten konnte, war die innere Macht religiöſen Lebens, und dieſe von Schulmeinungen glücklicherweiſe ſo unabhängige Macht war es auch allein, die bis dahin den Glauben an Gott und Unſterblichkeit gerettet hatte; denn dieſe Forderungen des religiöſen Bewußtſeins, die vom Rationalismus jedoch nur als Poſtulate der theoreti⸗ ſchen Vernunft behauptet wurden, hätten von den auf Kant ſich ſtützenden Rationaliſten folgerichtiger Weiſe aufgegeben werden müſſen, weil Kant die Unmsglichkeit aller überſinnlichen Erkenntniß durch die theoretiſche Vernunft nachgewieſen hatte. Dies macht es begreiflich, daß allmählich auch in rationaliſti⸗ ſchen Köpfen der Gedanke aufkam, die beiden Gegenſätze des Supernaturalismus und Rationalismus in einer höheren Einheit zu verſöhnen, wie mehrere Schriften es bereits beſtimmt fordern. Man kann es als ein bedeutſames Zeichen jener Zeit anſehen, daß derartige Verſuche meiſt von praktiſchen Geiſtlichen ausgehen, denen die Befriedigung des religiöſen Bedürfniſſes ihrer Gemeinden mehr am Herzen liegt als die„Kathederzänkerei.“
So erſchien 1818 ein Buch des Archidiakonus L. A. Kähler unter dem Titel:„Supernaturalis⸗ mus und Rationalismus in ihrem gemeinſchaftlichen Urſprung, ihrer Zwietracht und höheren Einheit“, aber der Verfaſſer konnte dieſe höhere Einheit nicht finden, weil er ſelbſt durchaus noch auf vulgär⸗ rationaliſtiſchem Boden ſtand. Auf S. 318 und 319 bezeichnet er das„wahre Chriſtenthum“ als den „Chriſto nachgebildeten, aber doch in ſich ſelbſt lebenden, freien Geiſt“, der darum an„keine Erklärung, keine Formel, kein Buch und keine Kirche, ſondern einzig und allein an den Akt der Befreiung, gleichviel nach welchem Syſtem, gebunden ſein könne.“ So dokumentirt gerade dieſer Verſuch, ſich über den vulgären Rationalismus zu erheben, auf's deutlichſte die innere Haltloſigkeit dieſer Richtung.
Aehnlich verhält es ſich mit einem von D. G. F. Seiler gemachten Verſuch in der Schrift: „Die Religion nach Vernunft und Bibel in ihrer Harmonie“. Nachdem der Verfaſſer erklärt hat, daß er hier das Wort„Vernunft“ nicht ſubjektiv, ſondern objektiv nehme, behauptet er unmittelbar darauf auf S. 6 der Vorrede, daß es gewiſſe allgemeine, für wahr erkannte Vernunftprinzipien gebe,„über deren allgemeinſte Grundſätze in unſern Tagen unter den Gelehrten kein Streit mehr iſt.“ Zu dieſer Behaup⸗ tung macht er ſelbſt unten die lächerliche Anmerkung:„Skeptiker und angehende Atheiſten ausgenommen.“
Immerhin mögen ſolche Löſungsverſuche als ein Zeichen dafür angeſehen werden, daß mit der ab⸗ ſteigenden Bewegung des Rationalismus bereits eine parallel laufende aufſteigende beginnt. Die Begei⸗ ſterung der Kriegsjahre, in denen nicht mehr wie früher die Söldnerheere, ſondern ein Volk in Waffen


