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inprimis quae ad religionem et virtutem pertinent, concipere(§ 2, S. 5)*) die Ueberzeugung von der Wahrheit dieſer Ideen iſt die fides, und dieſe hat ihren Grund in einem inneren Gefühl der Nöthi⸗ gung(sensus quidam est necessitatis), welches nicht weniger Gewißheit beſitzt als das Wiſſen(non minore gaudet certitudine quam scientia§ 2, S. 5).
Dieſe Geſtalt des Rationalismus, die durch Rheinwald den Namen rationalismus vulgaris erhalten hat, macht nicht den geringſten Verſuch, das Weſen der Vernunft zu unterſuchen und dann die Geſetze zu zeigen, nach welchen ſie als oberſte Richterin zu urtheilen habe, ſondern begnügt ſich mit der unbewieſenen Behauptung, daß die Vernunft auf Grund der inneren Nöthigung dieſelbe Gewißheit beſitze wie alles Wiſſen. Dieſer Auffaſſungsweiſe, die den Vorwurf der Unwiſſenſchaftlichkeit in vollem Maße verdient, hat es Haſe in ſeinen Streitſchriften in vernichtender Weiſe nachgewieſen, daß ſie immer nur den geſunden Menſchenverſtand, alſo eine ſtets ſchwankende Größe zum oberſten Maßſtab religiöſer und wiſſenſchaftlicher Erkenntniß macht.
Der namhafteſte Repräſentant dieſes vulgären Rationalismus auf kirchlich⸗praktiſchem Gebiete iſt J. F. Röhr. Derſelbe hat wie Wegſcheider mit Hülfe einer populariſirten Kant'ſchen Philoſophie ſein„vernünftiges Glaubensſyſtem“, wie es in ſeinen„Briefen über den Rationalismus“(1813) dar⸗ gelegt wird, zu Stand gebracht und als ächten Proteſtantismus verfochten. Danach iſt ihm der Stifter der chriſtlichen Religion der„beſcheidene und liebenswürdige Weiſe von Nazareth“, der ſich ſelbſt nur als einen Menſchenſohn ausgab, ein mit den erhabenſten Eigenſchaften begabter und darum einzigartiger Menſch. Die chriſtliche Gemeinde hat darum an ihrem Stifter nur ein ſehr vollkommenes ſittliches Vorbild, dem der Chriſt ähnlich zu werden ſuchen muß.
Der Hauptzweck des Chriſtenthums iſt darum moraliſche Vervollkommnung durch ſittliches Streben nach Tugend und Rechtſchaffenheit, womit der Chriſt ſeinem Gott die beſte Verehrung erweiſt. Eine eigentliche Chriſtologie kann in dieſem Zuſammenhang natürlich gar nicht zu Stande kommen, denn die Perſon des„erſten Verkündigers der chriſtlichen Univerſalreligion“ hat ja für deren Weiterentwickelung keine oder nur die untergeordnete Bedeutung eines ſittlichen Vorbilds. Der Inhalt der chriſtlichen Glaubenswahrheiten wird normirt durch die Vernunft, d. h. nur dasjenige darf als Wahrheitsgehalt der chriſtlichen Religion angeſehen worden, was von allen vernünftigen Menſchen als gut und wahr anerkannt wird. Dieſe den Rationalismus in ſo voller Einſeitigkeit repräſentirenden Anſichten bezeichnen auch die Richtung der von Röhr herausgegebenen„Kritiſchen Prediger⸗Bibliothek“.
Als Prediger hat Röhr ſeinen Standpunkt allerdings mit bewundernswerther Milde und Mäßig⸗ ung geltend zu machen gewußt aus Rückſicht auf den„religiöſen Bildungsgrad“ der Gemeinde. Die Haſe'ſche Polemik(Anti⸗Röhr) hat die ganze Richtung um ihren viſſenſchaftlichen Kredit gebracht.
Es iſt ein Geſetz geſchichtlicher Entwickelung, daß eine Geiſtesrichtung ſich erſt dann völlig auslebt, wenn ſie die letzten Konſequenzen des von ihr vertretenen Prinzips mit voller Schärfe entwickelt. Wenn wir dieſen Grundſatz auf die in Wegſcheider und Röhr(wir könnten als namhaften Vertreter auch Paulus in Heidelberg, † 1851, anſehen) ſich repräſentirende Geſtalt des Rationalismus anwenden, ſo erhalten wir den Eindruck, daß der theologiſche Rationalismus allerdings auf der Entwickelungsſtufe angelangt war, auf der das in ihm enthaltene Wahrheitsmoment ein Beſtandtheil einer über ihn hinwegſchreitenden neuen Theologie werden mußte; denn welche weiteren Kon⸗ ſequenzen hätte er etwa noch ziehen können? War nicht die ſpezifiſche Autorität des chriſtlichen Reli⸗ gionsſtifters längſt preisgegeben, indem das Chriſtenthum als Vernunftreligion mit dem Zweck der Selbſt⸗
*) Hierzu in der 4. Ausg. der hier weggelaſſene Zuſatz:„veritatemque earum et investigare et illustrare.“


