Aufsatz 
Ueber Ursachen, Entwickelung und Bedeutung des Rationalismus / von Franz Schwabe
Entstehung
Einzelbild herunterladen

18

Herder und Göthe gehörten dieſem Orden an.

In umfaſſenderer Weiſe haben die Philanthropiſten die Ideen der Aufklärung in die Maſſen des Volks verpflanzt. Baſedow, der Herold Rouſſeauſſcher revolutionärer Erziehungsgrundſätze, hat in ſeinem Syſtem der geſunden Vernunft die Glückſeligkeit als den Zweck der Philoſophie bezeichnet. Wie Baſedow auf pädagogiſchem Gebiet, ſo iſt Wieland in der Poeſie der Repräſentant der Kultur des um alles Höhere unbekümmerten heiteren Lebensgenuſſes, der Sinnlichkeit und praktiſchen Nützlichkeit geworden.

So konnte es nicht fehlen, daß dieſe allerdings das religiöſe Bewußtſein beeinträchtigende eudämoni⸗ ſtiſche Tendenz auch unter den Theologen Vertreter fand. Steinbart ſchrieb ſeineGlückſeligkeitslehre des Chriſtenthums 1778, und Töllner behauptete bekanntlich die Unverantwortlichkeit des Menſchen beiunvorſätzlichen geſetzwidrigen Handlungen(Theol. Unterſuchungen).

Sonach iſt gegen Ende des Jahrhunderts der Stand der theologiſchen Aufklärung im ganzen dieſer. Die Bibel gilt als Kodex der Offenbarung, aber unter der Vorausſetzung, daß alle in ihr enthaltenen religiöſen und moraliſchen Wahrheiten zugleich das Reſultat vernünftigen Denkens ſind. Demgemäß gilt die geſunde Vernunft als oberſte Inſtanz in Glaubensſachen. Da die Wunder dem vernünftigen Denken unbequem ſind, werden ſie entweder als irrthümliche Ueberlieferung geleugnet oder was auf daſſelbe hinauskommtnatürlich erklärt oder aufAccommodation zurückgeführt. Der Glaube an Gott, an die Vorſehung und an perſönliche Fortdauer nach dem Tode wird zwar allgemein gefordert, aber als natürliche, auch abgeſehen von der Offenbarung feſtſtehende Erkenntniſſe. Dem Zug der Zeit entſprechend iſt das Charakteriſtiſche der theoretiſchen und praktiſchen Theologie die moraliſche Tendenz.

Dies waͤr der Stand der theologiſchen Bewegung, als die Macht einer neuen ſyſtematiſchen Philo⸗ ſophie anfing ſich wieder auf allen Gebieten geiſtigen Lebens geltend zu machen, als die Kraft philoſophi⸗ ſchen Denkens auch auf theologiſchem Gebiet eine allmähliche Vertiefung der überlieferten Grundſätze zu bewirken anfing. Verfolgen wir nun die weitere Entwicklung des rationaliſtiſchen Prinzips in den erſten Decennien des 19. Jahrhunderts.

1800- 1848.

Die auf dem Boden des Rationalismus ſtehenden Theologen des 18. Jahrhunderts hatten es darum nicht vermocht, ſich über die äußerliche Auffaſſung des chriſtlichen Prinzips zu erheben, weil ſie, getreu dem Grundſatz der freien Subjektivität, die Verpflichtung des Menſchen gegen das göttliche Geſetz nur auf die vorhandenen individuellen Bedingungen zurückführten. Wenn daher auch auf dieſem Stand⸗ punkte folgerecht die Vervollkommnung dieſer individuellen Bedingungen, d. h. alſo ethiſche Selbſtvervoll⸗ kommnung als Zweck des Chriſtenthums behauptet wird, ſo ſahen wir doch bereits, welche Gefahr dieſe Verzichtleiſtung auf eine abſolute Schätzung des Sittengeſetzes in ſich trägt: die Gefahr der Abſchwächung des Schuldbewußtſeins und die Gefahr einer eudämoniſtiſchen Tendenz.

Dieſer Auffaſſung der Moralprinzipien hat nun Kant ſeine abſolute Schätzung des Sittengeſetzes gegenübergeſtellt; mit andern Worten, dem Grundſatz des Rationalismus, daß die moraliſche Verpflichtung ſich nach individuellen Bedingungen richte, hat Kant diekategoriſchen Imperative als abſolute Ge⸗ ſetze des Willens entgegengehalten. Wenn wir nun bemerken, daß dennoch im Anfang unſeres Jahr⸗ hunderts namhafte Rationaliſten ſich auf Kant ſtützen, ſo hat es damit folgende Bewandtniß.

Kant hat in ſeiner SchriftDie Religion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft(1793) ſeine kritiſchen Moralprinzipien durchaus im Sinn der Rationaliſten verwendet. Er vertritt nämlich darin, im Widerſpruch mit der Behauptung des objektiven kategoriſchen Imperativs, die Anſicht, daß der Menſch die Freiheit der moraliſchen Selbſtverpflichtung empiriſch beſitze und zwar ganz unabhängig von