Aufsatz 
Ueber Ursachen, Entwickelung und Bedeutung des Rationalismus / von Franz Schwabe
Entstehung
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Die h. Schrift faßte Herder mehr von ihrer äſthetiſch⸗menſchlichen Seite auf, ohne darin einen Widerſpruch mit ihrer göttlichen Auctorität zu finden, denn die äſthetiſche Schönheit der Offenbarungs⸗ form ſchien ihm die nothwendige Außenſeite des Offenbarungsinhalts. Indem er auf dieſem Standpunkt die Bibel freilich nicht mehr als Lehrkodex anſehen konnte, welchernatürlich auszulegen ſei, hat er ſich über die üblichen Schulmeinungen weit erhoben.

Offenbarung und Vernunft verhalten ſich wie Mutter und Kind, darum kann zwiſchen beiden kein Widerſpruch ſtattfinden.(Briefe, das Studium der Theologie betreffend, III. Theil, 26. Brief, S. 26). Später hat ſich aber die Offenbarung an ein einzelnes Volk geknüpft, darumſcheiden ſich nun aller⸗ dings Vernunft und Offenbarung, aber nicht als feindliche Weſen, ſondern wie ſich Abſtraktion und Ge⸗ ſchichte ſcheidet. Hat jene Gründe, dieſe nicht für ächt zu erkennen, ſo ſage ſie dieſe Gründe und laſſe ihre Aechtheit ebenfalls prüfen, ſie erlaube aber auch andern, daß ſie ſie für ächt annehmen(S. 21 ff.). Einen Gegenſatz von Offenbarung und Vernunft(d. h. dem natürlichen, lebendigen Gebrauch unſerer Seelenkräfte, S. 18) giebt es nach Herder eben ſo wenig als zwiſchen Geiſt Gottes und Menſchengeiſt. Offenbarung, Inſpiration, Anhauch läßt ſich darum einfach darauf zurückführen, daß die Gottheit Menſchen mit vorzüglichen Gaben,Menſchen Gottes geboren werden ließ. Es wird alſo hier bereits die von uns oben geforderte Reciprocität von Offenbarung und Vernunft ſtillſchweigend vorausgeſetzt unter der Behauptung der Einheit des Göttlichen und Menſchlichen. Galt der Orthodoxie gerade das Wunderbare, Unbegreifliche als der ſicherſte Beweis für den göttlichen Urſprung der Offenbarungswahrheiten, ſo er⸗ kannte Herder, der übrigens den wunderbaren Charakter der geſchichtlichen Thatſachen, auf denen das Chriſtenthum beruht, keineswegs in Abrede ſtellte, doch deutlich dieſen Fehler, wenn er ausruft:Das Wunderthum ſoll dir doch nicht Religion werden?

Am wichtigſten iſt ſeine Stellung zu den chriſtologiſchen Fragen, wo er der Theologie neue Bahnen gewieſen hat. Während die Orthodoxie in der Perſon Chriſti die Gottheit einſeitig hervorkehrte, während der Rationalismus andererſeits nur die menſchliche Seite in Chriſto gelten laſſen wollte, hat Herder die wahre Humanität als Einheit des Göttlichen und Menſchlichen aufgefaßt. Darum haben wir nach Herders Auffaſſung in Chriſto das Vorbild der vollendeten Humanität, die Einheit des Menſchenſohns und Gottesſohns. Indem Herder die Religion von ihrer dogmatiſchen Ausprägung unterſcheidet und ſie damit als innere treibende Kraft erkennt, hat er in gleicher Weiſe wie Leſſing die rationaliſtiſche Auffaſſungsweiſe der Religion überwunden.

Doch nur in einzelnen Koryphäen kam während der letzten Decennien des 18. Jahrhunderts eine tiefere Richtung des Geiſtes zum Durchbruch; in der Maſſe des Volks dagegen fand die Aufklärung des geſunden Menſchenverſtandes immer größere Verbreitung. Weſentlich trugen hierzu Geſellſchaften bei, die den ausgeſprochenen Zweck der Verbreitung der Volksaufklärung verfolgten. Wir gedachten bereits oben der von Dr. Bahrdt geſtiftetendeutſchen Union, welche dieAufklärung der Menſchheit nach dem großen Zwecke Jeſu betreiben wollte.

Im Jahr 1783 gründete der Oberconſiſtorialrath von Irwing die ſogenannteMittwochsgeſell⸗ ſchaft oderGeſellſchaft der Freunde der Aufklärung, welche den Zweck verfolgte, die Mittel zur Volks⸗ aufklärung zu berathen und dieſe durch einflußreiche Beamte, Lehrer, Buchhändler ꝛc. in alle Schichten der Bevölkerung zu tragen. Unter den Mitgliedern dieſer Geſellſchaft finden wir die Oberconſiſtorialräthe Teller, Spalding, Zöllner, Dietrich; den Bibliothekar Bieſter, Profeſſor Ramler, Ge⸗ dicke, Mendelsſohn u. a.

Eine andere von Weishaupt geſtiftete geheime Geſellſchaft iſt der Illuminatenorden mit dem phraſenhaften Programm:Hülfe der unterdrückten Tugend, Beſſerung des Herzens und Verſtandes, Heranbildung der Menſchheit zu ihrer Reife und Vollkommenheit.

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