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Den ſittlichen Werth des Menſchen ſetzt Leſſing nicht in den äußeren Beſitz der Wahrheit, ſondern in das Streben nach ihr. Es iſt ein ewig denkwürdiges Wort:„Nicht die Wahrheit, in deren Beſitz ein Menſch iſt oder zu ſein vermeint, ſondern die aufrichtige Mühe, die er angewendet hat, hinter die Wahr⸗ heit zu kommen, macht den Werth des Menſchen. Wenn Gott in ſeiner Rechten alle Wahrheit und in ſeiner Linken den einzigen, immer regen Trieb nach Wahrheit, obſchon mit dem Zuſatz, ewig zu irren, verſchloſſen hielte und ſpräche zu mir: wähle! Ich fiele ihm mit Demuth in ſeine Linke und ſagte: Vater gib! Die reine Wahrheit iſt ja doch nur für dich allein!“
Die für die Theologie wichtigſte Schrift iſt„Die Erziehung des Menſchengeſchlechts.“ Dieſe in 100 kleinen Paragraphen abgefaßte Schrift, die übrigens ſich in demſelben Ideenkreis bewegt, hatte die durchaus poſitive Tendenz, vermittelſt des Gedankens eines die ganze Menſchheit umfaſſenden gött⸗ lichen Erziehungsplanes die Unvollkommenheiten der altteſtamentlichen Religion zu vertheidigen gegen deiſtiſche Angriffe*). Inſofern kann allerdings Schwarz**) dieſe Schrift eine Theodicee nennen, die zugleich den hiſtoriſchen Nachweis liefert, wenn auch eine ſolche ſchwerlich in der Abſicht Leſſings lag. Die Offenbarung wird in dieſer Schrift nur unter dem Geſichtspunkt der Erziehung betrachtet und das Verhältniß beider ſo beſtimmt, daß die Erziehung ſich auch auf den einzelnen Menſchen, die Offenbarung auf das Menſchengeſchlecht erſtrecke(§ 2). Vernunft und Offenbarung ſtehen in gegenſeitigem Wechſel⸗ verhältniß; die Vernunft ſoll erſt durch die Offenbarung geleitet werden, aber auf einer beſtimmten Entwicklungsſtufe ſoll ſie die Offenbarung aufhellen(§ 36 und 37) und dieſe„Aufklärung“ dient wieder als Vorbereitung zu einer höheren Entwicklungsſtufe(§ 89). Darnach iſt der Standpunkt des alten Teſtaments, das als Elementarbuch bezeichnet wird, überwunden und es wird die Zeit„eines neuen ewigen Evangeliums kommen, die uns ſelbſt in den Elementarbüchern des Neuen Bundes verſprochen wird“(§ 86). Alſo muß einmal der Zeitpunkt eintreten, in dem das Menſchengeſchlecht auch der neu⸗ teſtamentlichen Offenbarung einmal entwachſen iſt.
Dieſelbe Erhebung des religiöſen Geiſtes über alle hiſtoriſchen Traditionen bildet auch den Grund⸗- gedanken Nathan des Weiſen, in welchem ſich in der Verherrlichung der Toleranz aller Kulte zugleich die Abneigung des Dichters gegen alle Dogmen ausſpricht.
Nach alledem müſſen wir in Leſſing den Vertreter einer höheren Form des rationaliſtiſchen Prinzips ſehen. Er ſteht inſofern allerdings noch auf rationaliſtiſchem Boden, als er einerſeits die Offenbarung als eine durch den göttlichen Erziehungsplan geforderte und darum geſchichtlich bedeutſame Form der natürlichen Gotteserkenntniß, in der der Religionsſtifter nur einen großen Vorſprung voraus hat, erkennt; andererſeits aber die Erwartung hegt, daß in dem Maße, in welchem der moraliſche Wahr⸗ heitsinhalt des Chriſtenthums angeeignet wird, die ſpezifiſch normative Autorität Chriſti abnimmt. Er über⸗ ſchreitet jedoch den damaligen Standpunkt der Aufklärung, indem er das Chriſtenthum als eine von deu bibliſchen Urkunden unabhängige, innere, die geſammte Lebensthätigkeit des Menſchen durchdringende Macht erkennt, deren Wahrheit durch keine Verſtandeskritik geſtreift werden könne, weil ſie eben auf innerer Erfahrung beruhe. 1
In noch höherer Weiſe als bei Leſſing, ſehen wir in Herder die damals moderne auf⸗ klärende Geiſtesrichtung überwunden. Seine vom reinſten Idealismus getragene Genialität, mit der er allen theologiſchen Disziplinen einen neuen belebenden Geiſt einzuhauchen verſtand, befand ſich in direktem Gegenſatz zu der nüchternen verſtandesmäßigen Richtung der Zeit, aber ſeine tiefinner⸗ liche gemüthvolle Frömmigkeit hat ſich mit den Humanitätsbeſtrebungen ſeiner Zeit auszugleichen gewußt.
c*) In den zuerſt erſchienenen 53 Paragraphen(1777) ſchloß daher die Reihe der religiöſen Entwickelungsſtufen mit riſtus. **) Vergl. C. Schwarz, Leſſing als Theolog.


