Aufsatz 
Ueber Ursachen, Entwickelung und Bedeutung des Rationalismus / von Franz Schwabe
Entstehung
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Grundlagen der chriſtlichen Religion zu untergraben. Auf dem Standpunkt einer eklektiſch⸗eudämoniſtiſchen Popularphiloſophie ſtehend, will er nichts wiſſen von Offenbarung und Wunder, vertheidigt aber den Glauben an Gott, Tugend und Unſterblichkeit als Poſtulate der geſunden Vernunft. Auf dieſem halben Standpunkt erhält ſeine Forderung des Unſterblichkeitsglaubens ein rein egoiſtiſches Gepräge.

Wenden wir uns nun dem Manne zu, der im höheren Sinn ein Bahnbrecher der Freiheit des Geiſtes auf allen Gebieten der Wiſſenſchaft und Kunſt genannt werden darf, der aber zugleich berufen war, die flachere Richtung des Rationalismus, die nur dengeſunden Menſchenverſtand und die Rück⸗ ſicht praktiſcher Nützlichkeit als höchſten Maßſtab der Erkenntniß kannte, durch eine tiefere Richtung des Geiſtes zu überwinden: Gotthold Ephraim Leſſing.

Obwohl Leſſings Anſichten keineswegs mit denen des Fragmentiſten übereinſtimmten, hatte ihn doch der durch ſeine Veröffentlichungen hevorgerufene Streit mit dem Hamburger Paſtor Göze an die Spitze der theologiſchen Bewegung getragen, in der er eine nachhaltige Wirkung zu Weg brachte. Die höhere Anſicht, die Leſſing in dieſem Streite geltend machte, wurzelt darin, daß er das Chriſtenthum als eine auf innerer Erfahrung beruhende Geiſtesmacht betrachtet, die in der Entwickelung der Menſchheit ſich als treibende Kraft wirkſam erweiſe*). Darum ſei die Wahrheit des Chriſtenthums nicht nothwendig an den Offenbarungsinhalt der heiligen Schrift gebunden, ſondern die Aufzeichnung der in der Schrift enthaltenen Offenbarung ſei nur ein Moment in der kontinuirlichen Mittheilung Gottes an die Menſch⸗ heit.(Ueber die relative Unabhängigkeit des Chriſtenthums von der Bibel vergleiche ſeineNöthige Antwort auf eine ſehr unnöthige Frage.) Daraus ergibt ſich, daß das chriſtliche Prinzip auch gar nicht durch den Stifter der chriſtlichen Religionsgemeinſchaft als etwas ſchlechthin Neues in die Menſch⸗ heit verpflanzt worden iſt, ſondern daß es ſo alt wie die Menſchheit iſt(Tindal), und daß mit Chriſtus nur eine neue vollkommenere Phaſe ſeiner Entwickelung begonnen hat. Indem ſo Leſſing das Chriſten⸗ thum nicht mit dem Buchſtaben identificirte, ſondern es als lebendige, geiſtige, das ganze Leben durch⸗ dringende Kraft faßte, deren Wahrheit auf innerer Erfahrung beruhe, gab er, dem altproteſtantiſchen Formalprinzip ſeine Grundlage raubend, der hergebrachten Orthodoxie den Todesſtoß.

Dennoch zeigt er zugleich ſeine Größe darin, daß er die innere Ausbildung und Konſequenz des orthodoxen Syſtems in ihrem hohen Werth erkannte, daß er durchaus nicht einſtimmte in das ſeichte oberflächliche Räſonnement, mit welchem man damals die orthodoxen Formeln beſeitigen und die Ver⸗ nunftwahrheiten als höchſte Autorität an ihre Stelle ſetzen zu können glaubte.

Wie er die Orthodoxie zu würdigen wußte, läßt ſich am klarſten aus ſeinem am 2. Februar 1774 an ſeinen Bruder Gotthelf Karl gerichteten Brief erkennen. Sein Bruder hatte das alte Religionsſyſtem als einFlickwerk von Stümpern und Halbphiloſophen bezeichnet, und darauf entgegnet dann der be⸗ rühmtere Bruder:Darin ſind wir einig, daß unſer altes Religionsſyſtem falſch iſt; aber das möchte ich nicht mit Dir ſagen, daß es ein Flickwerk von Stümpern und Halbphiloſophen ſei. Ich weiß kein Ding in der Welt, an welchem ſich der menſchliche Scharfſinn mehr gezeigt und geübt hätte, als an ihm. Flickwerk von Stümpern und Halbphiloſophen iſt das Religionsſyſtem, welches man jetzt an die Stelle des alten ſetzen will. An einer anderen Stelle deſſelben Briefs ſagt er noch draſtiſcher:Und was iſt ſie anders, unſere neumodiſche Theologie, gegen die Orthodoxie, als Miſtjauche gegen unreines Waſſer?

*) Zur Charakteriſtik der Leſſing'ſchen Theologie dienen vorzugsweiſe die von GözeAxiomata genannten Sätze gegen die bindende Autorität des bibliſchen Buchſtabens: Die Bibel enthält offenbar mehr, als zur Religion gehört; es iſt eine bloße Hypotheſe, daß ſie in dieſem Mehreren gleich unfehlbar ſein müſſe; auch war eine Religion, ehe die Bibel war; es mag alſo von dieſen Schriften noch ſoviel abhangen, ſo kann doch unmöglich die ganze Wahrheit der chriſtlichen Religion auf ihnen beruhen ꝛc.