Aufsatz 
Ueber Ursachen, Entwickelung und Bedeutung des Rationalismus / von Franz Schwabe
Entstehung
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ſtus durch ſeinen Kreuzestod ſeinen Lebenszweck nicht hätte erreichen knnen, und daß die Auferſtehung auf einem frommen Betrug der Jünger beruhe; gegen den proteſtantiſchen Lehrbegriff, indem er mit lo⸗ giſcher Schärfe die Lehren von der Erbſünde, Erlöſung u. ſ. w. aufzulöſen ſuchte. An die Stelle der chriſtlichen Religion wollte daher Reimarus die Vernunft⸗ oder Naturreligion ſetzen, als deren Grund⸗ züge er in ſeiner Schrift:Die vornehmſten Wahrheiten der natürlichen Religion eine vernünftige Verehrung Gottes und den Glauben an perſönliche Unſterblichkeit bezeichnete. Indem Reimarus eine ſo negirende Stellung zur Kirchenlehre einnahm und alles, was ihm nicht vernunftgemäß erſchien, als beabſichtigten Betrug anſah, iſt er der Vertreter des eigentlich theologiſchen Naturalismus geworden. Man merkt es bei ſolchen Erſcheinungen, daß die Entfaltung des rationaliſtiſchen Prinzips anfing in eine neue Entwickelungsphaſe einzutreten. Bisher wollte man doch dienatürlich ausgelegte Schrift noch als normative Autorität ſtehen laſſen, nun erkannte man, daß damit nichts geholfen ſei; bisher war man gewohnt, die modernen aufgeklärten Anſchauungsweiſen als Maßſtab für den Vorſtellungskreis der bibliſchen Schriften anzuwenden und am liebſten ſeine eigenen Ideen in den bibliſchen Ausſprüchen wie⸗ derzufinden, nun gelangte man zu der Einſicht, daß die bibliſchen Schriftſteller noch gar keine aufgeklärten Anſichten gehabt haben, kurz man fing an mit Bewußtſein die Vernunft oder dengeſunden Menſchen⸗ verſtand als die höchſte Inſtanz prinzipiell geltend zu machen.

Eine außerordentliche Verbreitung über alle Gebiete der Wiſſenſchaft und Kunſt erhielten dieſe Grundſätze durch Ch. Friedrich Nicolai, dem Repräſentanten der ſogenannten Popularphiloſophie oder, um mit Vilmar zu reden, demHeros der Aufklärung und Geſchmackloſigkeit. Seit 1765 gab er dieAllgemeine Deutſche Bibliothek heraus, welche die Tendenz philoſophiſcher und theologiſcher Auf⸗ klärung verfolgte. Da dieſe Zeitſchrift es ſich zur Aufgabe machte, alle in Deutſchland auf ſämmtlichen Gebieten der Wiſſenſchaft und Kunſt erſcheinenden Schriften zur Anzeige zu bringen und bei allen Re⸗ cenſionen denſelben Maßſtab der praktiſchen Nützlichkeit anzulegen, erſcheint es erklärlich, wie dieſes Inſti⸗ tut einerſeits eine ungeheuere Verbreitung hat finden können und andrerſeits zur Verbreitung einer ober⸗ flächlichen Anſchauungsweiſe hat beitragen müſſen. Darnach läßt ſich ſchon beurtheilen, was von der re⸗ ligiöſen Tendenz der Zeitſchrift zu erwarten iſt. Wo darin Chriſtenthum und Offenbarung vertheidigt wird, geſchieht es nur, um die vollſtändige Uebereinſtimmung mit der Vernunftreligion nachzuweiſen, und auch da erſtreckt ſich die Poſition nur auf Gott, Tugend und Unſterblichkeit. Das öfters citirte ſcharfe Urtheil Fichtes über die religiöſe Tendenz derAllg. Deutſchen Bibl. lautet: Die Allg. Deutſche Bib⸗ liothek war allerdings ein der Religioſität der Nation höchſt ſchädliches Unternehmen. Religioſität iſt Tiefe des Sinnes und geht aus ihr hervor; die ganze Tendenz jenes Unternehmens geht auf Oberfläch⸗ lichkeit. Religion deutet auf das überſinnliche, höhere Leben; der ganze Zweck jenes Unternehmens iſt unmittelbare Brauchbarkeit und Nützlichkeit für das Gröbſte dieſes Lebens ꝛc..

In den Jahren 1773 76 erſchien unter dem Titel:das Leben und die Meinungen des Herrn Magiſter Sebaldus Nothanker ein dreibändiger Roman Nicolais, in welchem er es auf Verhöhnung der Kirchenlehre abgeſehen hatte. Dennoch oder gerade deshalb fand der Roman ungeheuere Verbreitung, wurde in fünf Sprachen überſetzt und brachte dem Verfaſſer ſolche Lobeserhebungen ein, daß derſelbe, da er alles das Maß gewöhnlicher Mittelmäßigkeit Ueberſchreitende nicht zu würdigen wußte, es wagte, gegen einen Göthe, Schiller, Kant und Fichte alsVerderber des Geſchmacks aufzutreten. Diephilo⸗ ſophiſchen Querköpfe freilich, womit Nicolai Kant und Fichte bezeichnet, und dieäſthetiſchen Brauſe⸗ köpfe, womit Goethe und Schiller gemeint waren, ſetzten ihm durch ihre vernichtende Kritik und ihre Xenien ſo zu, daß er ſchließlich von faſt allen Freunden verlaſſen und vergeſſen ſtarb.

In enger Beziehung mit Nicolai ſtand lange Zeit Moſes Mendelsſohn(172985), der als Jude zwar an den Ceremonien ſeiner Religion feſthielt, um ſo eifriger aber darauf ausging, die