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dienen müſſen, die unter der Firma der geſunden Vernunft darauf ausgingen, alle Formen zu zerſtören, in denen ſeit Jahrhunderten die Chriſtenheit den Ausdruck ihres religiöſen Bewußtſeins zu ſehen gewohnt war, die kirchlichen dogmen. Der Hauptvertreter dieſer Richtung, den wir verzeichnen, iſt Karl Friedrich Bahrdt(1741—1792).
Es wäre durchaus irrig, in dieſer extremen Richtung, die nur einen ungeſunden Auswuchs des Rationalismus darſtellt, eine konſequente Fortbildung deſſelben erkennen zu wollen. Dieſe lediglich von einer deſtruktiven Tendenz geleitete Richtung iſt vielmehr durch die weitere freie Entwicklung der Theologie ſelbſt überwunden worden.
Bahrdt, im Leben wie in der Wiſſenſchaft in gleichem Maß gewiſſenlos, bekämpfte in Erfurt, nach ſeiner eigenen Ausſage, die Orthodoxie nicht um der Wahrheit willen, ſondern aus Haß gegen ihn anfeindende Theologen. Nach und nach entfremdete er ſich immer mehr der Kirchenlehre und während ſeines Aufenthaltes hier in Gießen ſchrieb er eine rationaliſtiſche Umbildung des neuen Teſtaments, in welcher von der ſogenannten„natürlichen Auslegung“ der ausgiebigſte Gebrauch gemacht wird. So wird z. B. der brennende Buſch des Moſes für einen vom Morgenroth beleuchteten Buſch erklärt. Charakte⸗ riſtiſcher noch, aber auch geſchmackloſer iſt die Erklärung der Stelle Matth. 18, 18:„Ich kann nun alles durchſetzen und meine Wirkſamkeit im Himmel und auf Erden d. h. überall verbreiten, weil ich nach meinem Abtreten nicht mehr durch meine Gegenwart das Haupthinderniß nähre, welches in der Erwartung eines irdiſchen Meſſias beſteht.“ Läßt ſich eine Stelle gar nicht mit dieſer„natürlichen Aus⸗ legung“ mißhandeln, ſo wird ſie durch Accommodation an jüdiſche Zeitvorſtellungen erklärt.
Mit vielen Lehrſätzen der„Syſtemsreligion“ zerfallen, weil ſie entweder„die geſunde Vernunft“ empören(Glaubensbekenntniß 1779, S. 19) oder„der Tugend und Gottſeligkeit ſchaden“(S. 20), erklärt er ſich in dem angeführten Bekenntniß gegen die Erbſündenlehre(§ 1), gegen die Gottheit Chriſti(§ 5), indem er meint, dieſe Frage ſolle überhaupt nie mit kirchlicher Autorität entſchieden werden, denn„für den Zweck der Religion d. h. für die Beſſerung und Beruhigung der Menſchen“ ſei ſie gleichgültig; ferner gegen die Trinität(§ 4) u. ſ. w.
Im Jahre 1788 gründete Bahrdt einen Geheimbund unter dem Namen„deutſche Union“, wel⸗ cher ſich die Aufgabe ſtellte:„nach dem großen Zweck des erhabenen Stifters des Chriſtenthums Auf⸗ klärung der Menſchheit und Dethroniſirung des Aberglaubens und Fanatismus durch eine ſtille Ver⸗ brüderung Aller, die Gottes Werk lieben, durchzuſetzen.“
Das Extremſte, was Bahrdt als Schriftſteller geleiſtet, iſt ſein zehnbändiges Werk:„Ausführung des Zwecks und Plans Jeſu“. Darin ſucht er nachzuweiſen, daß Jeſus, als das Haupt einer geheimen Geſellſchaft, den Kreuzestod nur zum Schein erlitten hat, um dem Meſſiasglauben ein Ende zu machen.
Aber auch in einer durchaus ehrenwerthen Natur führte die kritiſche Methode der Schriftbehandlung zu einem rein negativen Reſultat. H. Sam. Reimarus, Anhänger der Wolffſchen Philoſophie, doch auch von Spinoza, Bayle, Collins beeinflußt, hat eine 4000 Seiten im Manuſkript umfaſſende Kritik des Inhalts der h. Schrift verfaßt. Dieſes bekanntlich von Leſſing unter dem Titel„Wolfen⸗ büttler Fragmente“ theilweiſe veröffentlichte Werk führt den Titel:„Schutzſchrift für die vernünftigen Verehrer Gottes*)“.
Reimarus ſah in der Bibel Widerſprüche, die zu löſen er nicht im Stande war. Er folgerte daraus, daß die h. Schrift nicht als Quelle der Offenbarung angeſehen werden könne. Daher polemiſirte er gegen das alte Teſtament, indem er die Wundererzählungen, die Typen und den ſittlichen Werth der jüdiſchen Helden und ihrer Handlungen beſtritt; gegen das neue, indem er nachzuweiſen ſucht, daß Chri⸗
*) Vergl. die Veröffentlichungen von W. Kloſe in d. Zeitſchr. f. hiſt. Theol. 1850— 52.


