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vom Kampfe nachgelaſſen, und das Gebiet der Theologie bot um die Mitte des Jahrhunderts den An⸗ blick einer„mumienhaften Vertrocknung.“ Da war es J. Salomo Semler(1725—1791), der den Anſtoß zu einer nachhaltenden Bewegung gab. Sein eigenthümlich theologiſcher Standpunkt iſt der der hiſtoriſch⸗bibliſchen Kritik, als deren Begründer er in Deutſchland anzuſehen iſt. Anregungen dazu bot ihm das Studium engliſcher Deiſten, von denen bereits Tindal, Bolingbroke, Toland u. A. die Zuverläſſigkeit des Kanons angezweifelt hatten. Er erkannte, daß die Auslegung der bibliſchen Schriften ſich nach der Intention ihrer Verfaſſer, nach den Verhältniſſen und Vorſtellungen der Zeit, in welcher ſie entſtanden, richten müſſe, nicht aber nach der praktiſchen Rückſicht der„Anwendung zur Belehrung unſerer Chriſten“, denn„es gibt ganz gewiß in allen Schriften dieſes ſogenannten Kanons ſolche Stellen und Theile der Rede und der Abfaſſung, welche gleichſam mit jener Zeit vergehen, weil ſie auf jene Zeit und auf ſolche Umſtände derſelben ſich beziehen, die mit jenen unmittelbaren Zuhörern oder Leſern gleich⸗ ſam vergangen ſind“(Abhandlung von freier Unterſuchung des Kanon I,§ 9, S. 42). Der Kanon galt bis dahin noch immer als einheitliches Werk der Inſpiration(„totum homogeneum*). Dieſe Anſicht mit der ganzen Wucht ſeiner ungeheuren hiſtoriſchen Kenntniſſe zu vernichten, war die Aufgabe, welche ſich Semler in der erwähnten Schrift ſtellte. Die Kirche, ſo lehrte er, bezeichnete mit dem Worte „Kanon“ ein Verzeichniß von„Büchern, welche in den Zuſammenkünften der Chriſten öffentlich vorge⸗ leſen wurden“(daſ.§ 3 S. 11). Als Grund für Annahme der altteſtamentlichen Schriftenſammlung von Seiten der Chriſten macht er geltend:„daß die ſogenannte 70 Dolmetſcher⸗Ueberſetzung aus Egypten mit dem Vorurtheil einer göttlichen Eingebung“ ausgebreitet worden ſei(daſ.§ 17). Was die Zahl der neuteſtamentlichen Bücher betrifft,„ſo haben die Biſchöfe mehrerer Kirchen und Provinzen ſich mit einander, theils mündlich, theils ſchriftlich vereinigt, was für Bücher.... canonicam lectionem ausmachen ſollen“(daſ.§ 3, S. 12). Das A. T. iſt für die auf einer niedrigeren Religionsſtufe ſtehen⸗ den Juden, das Ev. Matthäi für die außerhalb Paläſtina wohnenden Juden, die johanneiſchen Schriften ſind für die griechiſch gebildeten Chriſten beſtimmt geweſen. Jeſus und die Apoſtel haben ſich darum der Bildungsſtufe ihrer Zeitgenoſſen accommodirt, denn ſie hätten„zuweilen manches ſo lehren müſſen, wie es die Fähigkeit der damaligen Zuhörer und Leſer mit ſich brachte“(daſ.§ 22, S. 121). Daraus er⸗ giebt ſich die Konſequenz, daß nicht der ganze Schriftinhalt für unſere Zeit die gleiche Bedeutung haben könne; es muß daher„das Weſentliche von dem Zufälligen“(S. 125),„Heilige Schrift und Wort Gottes“(S. 75) gar wohl unterſchieden werden.
So zieht er z. B. ſehr energiſch zu Feld gegen die Apocalypsin, weil in unſerer Zeit„niemand die groben und theils albernen Bilder und Mahlereien, ehrlicher Weiſe, und mit öffentlichem Grunde, in Lehrſätze und Begriffe der chriſtlichen Heiligkeit verwandeln kann“(daſ. S. 133); höchſtens geſteht er zu, daß dieſes Buch„zur Noth für die einfältigen Kinder an Chriſto, für die judenzenden Chriſten, einige Zeitlang einigen Nutzen gehabt habe(daſ. S. 134).
Als Kennzeichen für das, was in der h. Schrift als Wort Gottes anzuſehen ſei, fordert er„Merk⸗ male aus dem Inhalt ſelbſt“(S. 27), denn das Zeugniß der Kirche, als einer bloß hiſtoriſchen Anzeige, iſt nicht verbindlich. Dieſer Forderung ſcheint uns eine ganz richtige ethiſche Erkenntniß zu Grund zu liegen, denn mit der von Semler geforderten„inneren Verbindlichkeit, den göttlichen Inhalt der Schrift auch für ſich gelten zu laſſen“(§ 7, S. 30), verhält es ſich gerade ſo wie mit jedem äußerlich an den Menſchen herantretenden Geſetz, das erſt dadurch ſeinen verpflichtenden Charakter erhält, daß man ihm im Gewiſſen zuſtimmt und es bejaht.
Kam auch mit dieſer hiſtoriſchen Auslegungsweiſe nach Abſtreifung des Zeitlichen und Localen, d. h. alſo der Hülle der chriſtlichen Idee nichts weiter heraus, als was zur„moraliſchen Ausbeſſerung“
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