Aufsatz 
Ueber Ursachen, Entwickelung und Bedeutung des Rationalismus / von Franz Schwabe
Entstehung
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ſein, doß alles, was die Vernunft nicht mathematiſch zu beweiſen im Stand war, auch nicht mehr für Offenbarungswahrheit gelten konnte. Doch dem Zug der Zeit folgend entwickelte ſich allmählich eine Literatur, die den Grundſatz der mathematiſchen Beweisführung auf Glaubenswahrheiten zur Anwendung brachte und die zu den gröbſten Geſchmackloſigkeiten führte. Ja die h. Schrift ſelbſt hatte unter dieſer barbariſchen Auslegungsweiſe zu leiden. So erſchien beiſpielsweiſe 1736 ein Buch:Bibliſcher Mathe⸗ matikus oder Erläuterung der h. Schrift aus den mathem. Wiſſenſchaften, deſſen Verfaſſer, ein Prediger Joh. Jac. Schmidt, es unter anderm unternimmt(S. 89) nachzuweiſen,wie das eitele Nichts (Cohol. 1, 2) aller menſchlichen Dinge aus dem Kunſtgebrauch der Ziffer(0) zu betrachten ſei; ferner (S. 96)wie die unzählbare Zahl göttlicher Wohlthaten in der geometriſchen Progreſſion zu bewundern ſei und dergl. In demſelben Jahr erſchien von dem Rector Georg Sarganeck eine Schrift unter dem Titel:Die höchſtnöthige Berechnung der Sünden⸗Schulden, deren Größe und Mannigfaltigkeit gegen die unendliche Verſöhnung und Liebe Gottes in Chriſto Jeſu. Kann man auch nicht die Abſicht des Verfaſſers eine verwerfliche nennen, ſo ſteht es doch feſt, daß dieſe mathematiſche Methode in ihrer kalten Reflexion nur zur Abſchwächung des Schuldbewußtſeins führen mußte.

Den Einflüſſen dieſer auf Offenbarungswahrheiten angewandten mathematiſchen Methode war auch der Mann, deſſen Beruf es ſpäter wurde, den Gährungselementen der Zeit eine beſtimmte Richtung zu geben und den Rationalismus recht eigentlich in die Theologie einzuführen*), ausgeſetzt, Chriſtian Wolff. Sein Lehrer auf dem Breslauer Gymnaſium, C. Neum ann, hatte den Satz ausgeſprochen: Die verſchiedenen Zeiten bedürfen verſchiedener Methoden der Wahrheit, in der jetzigen der mathemati⸗ ſchen. Wir haben bereits oben gezeigt, wie ſeine Lehre durch die Trennung der theologia revelata und naturalis, in welch' letzterer allein die mathematiſche Methode Anwendung fand(ogl. theol. nat. I, § 275, S. 254 ff.), mit innerer Nothwendigkeit zur Auflöſung der kirchlichen Dogmen trieb. Wolff war der erſte Deutſche, der diePhiloſophie als Wiſſenſchaft ſchlechthin auffaßte, und indem er alles, was ſich bis dahin als hiſtoriſche Autorität behauptet hatte, zugleich als das Reſultat des ſelbſtthätigen Denkens ausgab, iſt es nur ſeiner perſönlichen Frömmigkeit zuzuſchreiben, wenn er den Boden der poſi⸗ tiven Religion nicht verließ.

Von namhafteren Theologen, die durchaus in den Bahnen Wofffs ſtehen bleiben, begnügen wir uns zu nennen S. J. Baumgarten( 1787), der, von Lange in Halle des Wolfſianismus angeklagt, ſich ſehr leidenſchaftslos rechtfertigte und erklärte, daß erallen naturalismum, den geringſten Eingriff in die höchſte Freiheit Gottes und die Freiheit menſchlicher Handlungen deteſtire; ferner G. B. Bil⸗ finger, J. G. Canz(Philosophiae Wolfianae et Leibnitzianae usus in theologia per praecipua fidei capita) und den Jenenſer Theologen Jac. Carpov( 1768), von dem das bedeutendſte aus der Wolff'ſchen Schule hervorgegangene dogmatiſche Werk herrührt(Theologia dogmatica revelata, methodo scientifica adornata).

Es kann nicht befremden, daß die im ganzen in ſo milder Mäßigung verlaufende Aufklärungsepoche auch manche extreme Erſcheinungen aufzuweiſen hat.

Die von Joh. Lorenz Schmidt herrührende Werthheimer Bibelüberſetzung(1735), die ſoviel Staub aufgewirbelt hat, ſuchte aus dem Inhalt derheiligen Bücher Wolff'ſche Philoſophie heraus⸗ zuleſen und wurde daher als ein naturaliſtiſches Product dieſer Philoſophie angeſehen.

Im gleichen Jahr, in dem jene Bibelüberſetzung erſchien, wagte es der philoſophiſche Magiſter J. G. Darjes in Jena in ſeinem tractatus über die Trinität die Behauptung auszuſprechen:nego et

*) Wolffs Einfluß auf die Theologie wurde erhöht durch die im Jahr 1739 erfolgte Kabinetsordre, in welcher den Kandidaten der Theologie das Studium der Wolff'ſchen Logik ausdrücklich empfohlen wird. 2