Aufsatz 
Andenken an den hochwürdigsten Herrn Geo. Eman. Chr. Theod. Müller, der Theologie Doctor und evangelischen Landesbischof zu Wiesbaden, gefeiert von dem Herzogl. Nass. Landes-Gymnasium zu Weilburg am 17. December 1836 : er verschied am 10. December
Entstehung
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ſteckt iſt, vergißt nur zu leicht, daß nicht Allen beſchieden iſt, das Ende ihres Laufes zu erreichen, ſondern daß Viele abgefordert werdenin der Haͤlfte ihrer Tage.(Pſ. 102, 26.) Aber wenn die Jugend den Tod in ihre Reihen dringen, wenn ſie eine ungeahnete Luͤcke urploͤtzlich unter ihren Genoſſen entſtehen ſiehet; dann ergreift ſie lebendiger die Gewißheit, daß, wie der fromme Dichter*) des griechiſchen Alterthums ſagt,eines Schattens Traum iſt der Menſch; dann ſieht ſie vor Augen, daß von dem Baume des Lebens nicht blos reife Fruͤchte oder verdorrete Blätter, ſondern auch friſche Bluͤthen und Knospen herabgeſtuͤrmt werden. Fraget Euch ſelbſt, geliebte Juͤnglinge, ob nicht ſolche Gefuͤhle in Eurem Innern ſich hervordraͤngten, als Ihr vor we⸗ nigen Monaten zu eben dieſer Stunde, in eben dieſen Raͤumen verſammelt waret, um das Andenken eines Euch und den Lehrern theuern Mitſchuͤlers zu begehen, den der Tod unvermuthet Euch entriſſen und mitten im Genuſſe jugendlichen Strebens ergriffen hatte? Doch nicht blos Erinnerungen an Eure eigene Scheide⸗ ſtunde ſoll ſolche Feier Euch bringen; Ihr ſollet Euch auch gewoͤh⸗ nen, das Andenken verdienter Maͤnner zu bewahren, und im Grabe die noch zu ehren, die im Leben Anſpruch auf Eure Ver⸗ ehrung hatten. Denn Ihr ſollet nicht ſeyn, wie die Thoren, von denen ein Weiſer des alten Bundes(B. d. Weish. 15, 12.) ſagt: ſie halten das menſchliche Leben fuͤr ein Geſchwaͤtz und menſchli⸗ chen Wandel fuͤr einen Jahrmarkt; Ihr ſollet nicht in dieſem bunten Menſchen⸗Gewimmel kaufen, was Ihr koͤnnet, und ge⸗ nießen, was Euch ſich darbietet, unbekuͤmmert um die, welche fuͤr Euch arbeiteten, und lange, bevor Ihr geboren wurdet, das bereiten halfen, was Euch jetzt foͤrdert und erfreuet; ſondern, wie Ihr einſt auch ſelbſt nicht vergeſſen zu ſeyn wuͤnſchet unter Euren Genoſſen, ſo ſollet Ihr fruͤh ſchon Andern ein Gleiches thun, und die Namen derer werth halten, welche das Wohl des Vater⸗ landes berathen und befeſtigen helfen in allerlei Aemtern und auf allerlei Weiſe. Denn, wie der Apoſtel(1 Kor. 12, 4 6.) ſpricht:Es ſind mancherlei Gaben, aber es iſt Ein Geiſt; es ſind mancherlei Aemter, aber es iſt Ein Herr; und es ſind man⸗

*) Pindar. Pyth. VIII, 93. xιeς ενα ⁵σ˙⁴ιαόισάο. Vergl. dazu Diſſ en Bd. 2. S. 299.