P) Gedaͤchtnißrede des Directors Friedemann.
Verehrteſte Anweſende! Theuerſte Amtsgenoſſen! Geliebte Schuͤler!
Nie und nirgends lebt der Menſch ſicher auf Erden; ſon⸗ dern taͤglich und ſtuͤndlich ſiehet er die Bruͤder ſeines Geſchlechtes um ſich her dahin abſcheiden, wohin der Wink des Todes, dieſes ſtillen Boten goͤttlicher Allmacht, fruͤher oder ſpaͤter Alle fuͤhret. Aber der wogende Drang irdiſcher Geſchaͤfte, das vielfach ſich durchkreuzende Gewebe der Pflichten des Lebens, die Emſigkeit, mit welcher der Einzelne auf das Seine ſehen muß, wenn er es wohl ausrichten will; dieß Alles laͤßt ihn ſcheinbar kalt und theilnahmlos bei der unaufhoͤrlich und unabaͤnderlich ſich wiederho⸗ lenden Ordnung der Welt, oder noͤthiget ihn ſogar, nicht umzu⸗ ſchauen, damit er ſelbſt Werke wirke, ſo lange es Tag iſt, ehe der Abend kommt, der auch ihm den Arm laͤhmet und das matte Auge ſchließet. Doch wie fern wir immer ſolchen Schmerz halten moͤgen, der uns zu hindern und zu ſtoͤren drohet; unaufhaltſam und unwiderſtehlich dringt er auf uns ein, wenn irgend ein theures Haupt in unſerer Naͤhe ſich neiget zur ewigen Ruhe, wenn eine Luͤcke entſtehet in dem Kreiſe derer, welche unſere Achtung und Liebe genoſſen, oder wenn gar ein Glied von der Kette ſich loͤſet, durch welche wir in engeren oder weiteren Ringen mit Haus oder Stadt, mit Land oder Welt, zuſammenhaͤngen. Und duͤrfen wir uns ſolchen Schmerzgefuͤhlen entziehen, ohne hoͤhere Pflichten, des Amtes oder des Lebens, der Liebe oder der Dankbarkeit, ſchmaͤhlich zu verletzen? Muͤßten wir nicht vielmehr, zu unſerem eigenen Heile, Todesgedanken uns herbeirufen, wenn ſie von außen uns ſattſam nicht kaͤmen? Denn Nichts iſt geſchickter, uns uͤber uns ſelbſt zu verſtaͤndigen, als wenn wir auf unſerer Bahn zu⸗ weilen ſtill ſtehen, Anfang und Ende vergleichen, und abmeſſen, was vor uns und hinter uns liegt. 4
Ihr fuͤhlet es, geliebte Juͤnglinge, daß eine Feier, wie die iſt, welcher wir die gegenwaͤrtige Abendſtunde widmen, zunaͤchſt Euch gilt, und um Euret willen geſchiehet, ſo oft ſie geſchiehet. Denn die Jugend, in friſcher Lebensfuͤlle einherſtuͤrmend, und weit entfernt noch ſich waͤhnend von dem Ziele, welches ihr ge⸗


