Aufsatz 
Die Realschule
Entstehung
Einzelbild herunterladen

11

was auch ihrer wahren Bedeutung entſpricht. Anderen Studienrichtungen wird alsdann Raum und Zeit in den Schulen zum Betrieb nothwendigerer und näher liegender Gegenſtände von gewiß gleichem Bildungswerth bleiben. Unter den jetzigen Verhältniſſen aber kann ſich auch die Realſchule der Noth⸗ wendigkeit nicht entziehen, das Lateiniſche in ihren Lehrplan aufzunehmen und mit Ernſt zu pflegen, ſofern ſie eine höhere, über die Bedürfniſſe des mittleren Bürgerſtandes hinausgehende Schulbildung geben will. Da ſie dieſen Gegenſtand nicht auf Koſten ihrer Hauptaufgabe bevorzugen darf, ſo gilt es vor Allem, Zeit und Kräfte durch möglichſt zweckmäßige rationelle Einrichtung zu ſchonen; ſie muß Real⸗ ſchule bleiben.

Dem Betrieb des Lateiniſchen auf der Realſchule kann nach meiner durch vieljährige Erfahrungen und Beobachtungen gewonnenen Ueberzeugung nur dadurch der Erfolg geſichert werden, daß man

1) das Lateiniſche nicht in zu unreifem Alter in Angriff nimmt, und

2) daß daſſelbe nicht allgemein für alle, ſondern nur für diejenigen Schüler obligatoriſcher Lehrgegenſtand iſt, welche höheren Studien oder ſonſtigen Berufsarten ſich widmen wollen, für welche die Kenntniß des Lateiniſchen nothwendig oder ſtaatlich vorgeſchrieben iſt.

Ich verkenne das Gewicht der mancherlei Bedenken nicht, welche dieſer Einrichtung entgegentreten, aber die dafür ſprechenden Gründe ſcheinen mir bedeutend ſchwerer zu wiegen, und von zwei unvermeid⸗ lichen Uebeln iſt das kleinere zu wählen. Viele competente Autoritäten ſtehen zu dieſer Anſicht.

Es ſcheint mir ein ſchwerer Fehler zu ſein, mit Kindern von 9 Jahren, wo die Geiſteskräfte noch zu unentwickelt, die Sprach⸗ und Schreibſicherheit im Deutſchen noch auf ihrer unterſten Stufe ſteht, der ſprachliche Sinn überhaupt noch zu unfertig iſt, eine um faſt zwei Jahrtauſende von unſerer Zeit getrennte, in Gedankengang, Wort⸗ und Satzbau, in Farbe und Ton des Ausdrucks ſo fremd⸗ und fern⸗ ſtehende Sprache anzufangen, ſo daß es eine Reihe von Jahren und lähmende Anſtrengungen koſtet, bis die erſten Schwierigkeiten überwunden ſind. Würde man ſich dieſer Einſicht nicht länger verſchließen, würde man erſt tüchtig Deutſch und Realien treiben, dann mit 10 Jahren das unſerer Zeit und dem jugendlichen Geiſt weit näher liegende Franzöſiſch anfangen, und erſt, nachdem die Kräfte und der ſprach⸗ liche Sinn an dieſen Lehrgegenſtänden hinreichend erweckt und erſtarkt ſind, das Lateiniſche etwa mit 12 Jahren einfügen, ſo würde man, was auch zahlreiche Erfahrungen beſtätigen, in 5 oder 6 Jahren ebenſoweit und weiter kommen, als jetzt in 9 Jahren und unter ſchwerer Einbuße an anderen Dingen erreicht wird. Die alten Lateinſchulen und Gymnaſien vor 30 bis 50 Jahren hatten 4 Klaſſen und 56 Jahre Schulzeit, und dennoch wurde damals eben ſo viel und mehr in alten Sprachen geleiſtet, als jetzt.

Vom 12. bis zum 15. Jahre wird gewiß eben ſ viel Erfolg auf dieſem Feld erzielt werden, als vom 9. bis zum 15. Jahre.

Noch mehr beeinträchtigt wird der Erfolg des Lateinunterrichts auf der Realſchule durch den Uebel⸗ ſtand, daß man daſſelbe als obligatoriſch für alle Schüler betreibt; dieß würde wenigſtens in den unteren Klaſſen ganz wegfallen, wenn das Lateiniſche erſt zwei bis drei Jahre ſpäter angefangen würde; entſchlöſſe ſich auch das Gymnaſium zu dieſer letzteren Einrichtung, ſo würde damit auch einer anderen Forderung unſerer Zeit genügt: die höheren Schulen hätten einen gemeinſamen Unterbau, ein Gewinn, der theoretiſch und praktiſch hoch anzuſchlagen iſt.

Bekanntlich iſt das Lateiniſche auf den preußiſchen und auf anderen Realſchulen I. Ordnung ver⸗ bindlicher Lehrgegenſtand für alle Schüler ohne Ausnahme.

Aus naheliegenden Gründen will aber die größere Mehrzahl der Realſchüler in den ſtets überfüllten unteren und mittleren Klaſſen nicht Lateiniſch lernen, weder die Aeltern noch die Schüler wollen es, ſie fügen ſich nur der Nothwendigkeit. Der Lateinlehrer in dieſen Klaſſen müht ſich vergeblich mit der großen

2*