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von 10„ν% X Qνο⸗ gebildet iſt. Ich wähle von vielen hunderten ähnlicher Beiſpiele nur dieſe zwei ganz alltäglichen.
Wenn weiter geſagt wird, die alten Sprachen ſeien unentbehrlich, damit die Studirenden aus den Quellen ihrer Wiſſenſchaft in der Urſprache ſchöpfen können, ſo reducirt ſich die Berechtigung dieſes Arguments auf einen höchſt geringen Bruchtheil der Schüler. Theologen, Juriſten, Hiſtoriker, Mediciner, Naturforſcher betreiben ihre Studien nicht aus den altgriechiſchen und römiſchen Autoren, ſie haben in Wahrheit Nöthigeres und Beſſeres zu thun. Das Studiren der Quellen in der Urſprache bleibt den eigentlichen Fachgelehrten, den Sprach⸗, Geſchichts⸗ und Alterthumsforſchern allein; ſie erwerben ſich ſchon die dazu nothwendige weitere Beherrſchung der alten Sprachen. Für alle Andere hat es keinen Zweck und ſie haben auch dazu nicht Sprachkenntniß genug. Was findet der Mediciner z. B. für ſeine Fach⸗ ſtudien in den angeblichen 72 Büchern des Hippocrates? Er kennt ſie gar nicht in der Urſprache, von Vielen hat wohl kaum Einer aus Curioſität einen gelegentlichen kurzen Blick hineingeworfen, und ſollte er ernſtlich daran gehen, die Bücher des Hippocrates im Urtext zu ſtudiren, ſo— wird er kein Mediciner. Ein Fachgelehrter, der etwa eine Geſchichte der mediciniſchen Wiſſenſchaften ſchreiben wollte, würde ſich ſolche Studien zur Aufgabe machen, für alle Andere wäre es verlorne Zeit und Mühe.
Und nun erſt der Werth des Inhalts der alten Literatur ſelbſt! Abgeſehen von der hiſtoriſchen Bedeutung ſteht der Inhalt derſelben an Wahrheit, Tiefe und Reichthum weit unter demjenigen unſerer neuen Literatur. Wenn der Hiſtoriker, der Geograph und Aſtronom, der Naturforſcher, der Arzt und Mathematiker der neuen Culturſprachen einigermaßen mächtig wären, ſo würde das ihren Studien ungleich mehr Gewinn bringen, als das doch unzureichende Latein.
Viele der größten Gelehrten, ſelbſt Geſchichts⸗ und Sprachforſcher von glänzendem Ruf, haben ihren Weg nicht durch das Gymnaſium gemacht und bewieſen, daß auch andere Wege auf die Höhe der Wiſſen⸗ ſchaft führen. Die größten Staatsmänner, Strategen, Entdecker und Erfinder verdanken gewiß den beſten Theil ihrer hohen Verdienſte und Größe nicht ihrer Stärke in alten Sprachen. Wären dieſe ein ſo unfehlbares Kriterium höchſter Bildung, ſo müßten diejenigen, welche ſich durch hohe Gelehrſamkeit in denſelben auszeichnen, auch alle Andere an Bildung und geiſtigen Vorzügen weit überragen, was erfahrungsmäßig nur ſelten zutrifft.
Alle dieſe Thatſachen laſſen keinen Zweifel darüber, daß der Werth der gewöhnlichen altſprachlichen Schulbildung für die weiteren Studien theils überſchätzt zu werden pflegt, theils auf diejenigen Fächer ſich beſchränkt, für welche die alten Sprachen wirklich unentbehrlich ſind. Nur für dieſe, für Theologie, Philologie und etwa Jurisprudenz, ſind gründlichere Kenntniſſe in denſelben nothwendig, für andere Fächer kann es keinen erheblichen Unterſchied machen, ob die Studirenden etwas mehr oder etwas weniger Lateiniſch mitbringen, ob ſie vom Gymnaſium oder von der Realſchule kommen; die letztere giebt ihren Abiturienten etwas weniger Latein, dafür aber andere werthvollere Ausrüſtung in neuen Sprachen und exakten Wiſſenſchaften mit.
Wenn nun zwar der Werth der alten Sprachen und ihre gegenwärtige Unentbehrlichkeit für höhere Bildung zunächſt nur auf äußeren hiſtoriſ chen Gründen beruht, und an innerem eigenthümlichem Bildungswerth andere Lehrgegenſtände nicht übertrifft, manchen vielleicht nachſteht, ſo ſteht doch aller⸗ dings feſt, daß ſie, insbeſondere die lateiniſche, mit allen Wiſſenſchaften und Lebensverhältniſſen innig verwachſen ſind, alle unſere Einrichtungen mehr oder weniger tief durchdringen. Man kann nun wohl überzeugt ſein, daß dieß im Lauf der Zeit anders werden, daß die bevorzugte Stelle, welche bis jetzt den alten Sprachen in den höheren Schulen eingeräumt iſt, mehr und mehr auf diejenigen ſich von ſelbſt einſchränken wird, welche einem Studienfach ſich widmen, für welches ſie direct nothwendig ſind, daß alſo die beiden alten Sprachen mehr die eigentlichen Gelehrtenſprachen für Fachmänner ſein werden,


