Aufsatz 
Die Realschule
Entstehung
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Dienſtes oder für bürgerliche Berufsarten eine höhere Schulbildung als Vorbereitung erwerben wollen, iſt der Weg durch die Realſchule gewiß der richtigere. Gegen die mannigfachen und eingehenden Be⸗ gründungen dieſer Anſicht iſt mir noch nie eine haltbare Widerlegung zu Geſicht gekommen. Die theil⸗ weiſe Ueberlegenheit der Gymnaſialſchüler in allgemeiner geiſtiger Durchbildung wird aber fallen, ſobald durch die äußere Gleichſtellung der einzige wahre Grund der Verſchiedenheit wegfällt.

Niemand kann den Werth der Gymnaſialbildung, deren Schwerpunkt in den altklaſſiſchen Sprachen und der Geſchichte liegt, höher ſchätzen und ehren, Niemand den ſtets zunehmenden Verfall dieſer klaſſiſchen Studien, welche ſeit vielen Jahrhunderten die Träger und Quellen unſeres eigenen Culturlebens, die Vermittler zwiſchen der Vergangenheit und der aus ihr continuirlich hervorgegangenen Gegenwart geweſen ſind, lebhafter beklagen, als ich. Aber man muß doch den Muth haben, ſich zu geſtehen, daß jede Zeit ihre Rechte, daß nichts Irdiſches Anſpruch auf ewigen Beſtand hat, daß an die Stelle der Griechen und Römer, auch wenn ſie noch weit höher gebildet, ihr Leben und ihre Geſittung und Geſchichte noch weit reicher an Idealen, die Schätze ihrer Literatur an Form und Inhalt noch ungleich muſtergiltiger und werthvoller wären, als ſie es wirklich ſind daß an die Stelle der Griechen und Römer andere und weit mächtigere, größere Culturvölker getreten ſind, deren Geſchichte noch reicher an großen Epochen und hohen Idealen iſt, die durch Religion und Geſittung auf eine viel höhere Stufe gehoben, mit Hilfsmitteln der Wiſſenſchaft und Kunſt, des geiſtigen und materiellen Lebens ſo wunderbar reich ausgeſtattet ſind, daß weder Griechenland noch Rom nur entfernt mit unſerem Jahrhundert in Vergleich kommen können. Gewiß verdienen die Alten unſere Bewunderung, daß ſie mit geringen Hilfsmitteln ſo Großes geleiſtet haben, aber unſere ausſchließlichen oder nur bevorzugten Muſter und Lehrmeiſter, unſere Ideale können ſie nicht mehr ſein.

Die Gründe, welche man für den unerſetzbaren Bildungswerth der altklaſſiſchen Sprachen und Studien im Schulunterricht geltend macht, müſſen, wenn ſie heute noch richtig ſind, für alle Zeiten und Völker richtig ſein, ſie müſſen noch in fernen Jahrtauſenden eben ſo ausſchließlich den Mittelpunkt der Schulbildung einnehmen, wie ſie es heute beanſpruchen. Niemand kann ſich einer ſolchen Illuſion hin⸗ geben, und mit Recht fragt man, ob denn die als Muſter geltenden Griechen und Römer ähnliche Bildungswege durch das Studium alter todter Sprachen gegangen ſeien, und ob ſie ihre eigene Sprache, Literatur und Geſchichte oder die der gleichzeitig lebenden Culturvölker in den zweiten und dritten Rang ihres Unterrichts verwieſen haben.

Es iſt gewiß keine Förderung, ſondern eine ſchwere Schädigung der altſprachlichen Schulbildung, wenn man für ſie den Anſpruch auf ausſchließliche Geltung, auf alleinſeligmachende Kraft, auf Unfehl⸗ barkeit feſthält. Ein ſolcher Anſpruch muß, wie die Geſchichte aller Zeiten, aller Inſtitutionen und einzelner Menſchen lehrt, den Boden unter den Füßen zerbröckeln. Sie hochſchätzen und pflegen, iſt richtig und nothwendig, ſie neben anderen Bildungselementen überſchätzen, iſt ein ſchwerer Fehler. Alle Wiſſenſchaften, welche das Culturleben unſerer Zeit beherrſchen, müſſen gleichmäßig und harmoniſch von der Schule gepflegt werden; die principielle Ausſchließung oder Zurückſetzung der einen oder der anderen muß ſich ſtrafen. Da nicht Alle Alles lernen konnen, Neigungen und Anlagen ſehr verſchiedene Richtungen gehen, auch nach Vernunft und Erfahrung eine Schule nicht Alles zugleich vertreten kann, ſo iſt eine rationelle Theilung der Arbeit zwiſchen vorerſt zwei gleichgeſtellten Schulformen dringend nothwendig. Jede einzelne Wiſſenſchaft iſt ohnehin ſo umfänglich geworden, daß auch das hervorragendſte Talent nicht mehr im Stande iſt, auf der Hochſchule und ſpäter das ganze Feld derſelben zu umfaſſen; um ſo mehr iſt alſo für jedes Studienfach die geeignetſte und directeſte Vorbildung zu ermöglichen, und Zeit und Kräfte bis zum 18.20. Lebensjahre nicht zu zerſplittern.