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Es wird dem Betrieb des altſprachlichen Unterrichts ein größerer formaler Bildungswerth, eine keinem anderen Gegenſtand in gleichem Maaße eigene Anregung und Weckung der geiſtigen Kräfte beigelegt. Daß die alten Sprachen ein vortreffliches Mittel für dieſen erſten und höchſten Zweck einer jeden Schule ſind, beſtreitet Niemand; daß ſie es aber ausſchließlich oder überwiegend ſeien, kann weder mit Vernunft⸗ noch mit Erfahrungsgründen belegt werden.
Jeder Gegenſtand von hohem Intereſſe für die Menſchheit, mit welchem die Thätigkeit der geiſtigen Kräfte ſich planmäßig und wiſſenſchaftlich beſchäftigt, iſt geeignet, als Subſtrat zur Entwickelung der verſchiedenen Richtungen geiſtiger Anlagen zu dienen, nur in etwas anderer Weiſe und in nicht demſelben Sinn. Es iſt nicht abzuſehen, warum es nützlich und nothwendig ſein ſoll, alle Geiſteskräfte der Jugend nur in der einzigen beſchränkten Richtung auszubilden, welche durch die Schulung mit ein oder zwei alten Sprachen erzielt wird, während der erſte Schritt aus der Schule hinaus die Schüler in die ver⸗ ſchiedenartigſten Richtungen ihrer ferneren wiſſenſchaftlichen oder beruflichen Thätigkeit ohne allen und jeden vermittelnden Uebergang hineindrängt. Bei der großen Verſchiedenheit der Wiſſenſchaften muß es nothwendig erſcheinen, auch der entſprechenden Vielſeitigkeit der Vorbildung und der geiſtigen Kräfte die Wege zu bahnen. Der Theologe, der Mediciner, der Staatsmann gehen ſehr vexſchiedene Studienwege; kann eine Nahrung für jede Conſtitution in allen Lebensperioden die beſte, die einzig gute ſein? Warum ſoll die Mutterſprache, warum andere fremde Sprachen, ihre Grammatik, ihre Literatur nicht mindeſtens gleichen geiſtigen Bildungswerth beſitzen, blos weil ſie anders geartet ſind? Die Grammatik der alten Sprachen hat im Vergleich mit der unſerer neuen Culturſprachen ihre Stärke und nicht minder ihre Schwäche; der Werth wird ſich mindeſtens ausgleichen; vom Mehrwerth für die unmittelbare Be⸗ nutzung ſoll hier noch nicht einmal die Rede ſein. Daß bisher die höhere Schulbildung für die große Mehrzahl unſerer Jugend auf den alten Sprachen baſirte, iſt nur hiſtoriſch richtig und auch noth⸗ wendig, weil im Großen kein anderer Bildungsweg, keine andere wirkliche Schule exiſtirte.
Der wohlgeordnete Lehrplan einer gleichberechtigten Realſchule würde ſelbſt ganz ohne alte Sprachen gewiß dieſelbe, nur anders geartete geiſtige Entwickelung und vollendete Schulung erreichen, wie der ſeitherige Lehrplan der Lateinſchule. Die Erfahrung hat in einem alle Beachtung verdienenden Umfang, an Tauſenden hochgebildeter Männer gelehrt, daß es auch andere Wege zur höchſten geiſtigen Ausbildung giebt, als den durch die Lateinſchulen. Von noch weit größerem Geyicht iſt die bemerkens⸗ werthe Thatſache, daß ſeit einem halben Jahrhundert trotz dem wachſenden Verfall der altklaſſiſchen Studien dennoch nicht nur die allgemeine Bildung in immer weitere Kreiſe verbreitet, ſondern daß insbeſondere die Wiſſenſchaften und deren Anwendungen intenſiv und extenſiv einen ſo ſtaunenerregenden Aufſchwung genommen haben, wie ihn die Weltgeſchichte noch nie zu verzeichnen hatte; dabei iſt nicht zu überſehen, daß auch gerade die Sprachgelehrtheit, die Sprach⸗, Geſchichts und Alterthumsforſchung in dieſer Periode keineswegs zurückgeblieben iſt. Dieſe Thatſachen entkräften doch geradezu die Doctrin, daß die altklaſſiſche Bildung die einzig richtige Vorbedingung aller wiſſenſchaflichen Erfolge ſei.
Wer ſich allen dieſen Argumenten durchaus verſchließen und dabei beharren zu müſſen glaubt, daß für die Univerſität und überhaupt für jeden höheren Studiengang altklaſſiſche, ſog. humaniſtiſche Schul⸗ bildung unerläßlich ſei, daß der Schüler in den Geiſt der Sprachen, der Geſchichte und Literatur der Griechen und Römer eingedrungen ſein müſſe, der wird doch zugeben müſſen, daß unſere Gymnaſial⸗ abiturienten der großen Mehrzahl nach dieſe Forderung nicht erfüllen. Wenige beſſere mit Neigung und Anlage dafür begabte Schüler haben wohl eine verhältnißmäßig tüchtige Vorbereitung dazu, aber zu alt⸗ klaſſiſcher Bildung, zu einem Verſtändniß und Eindringen in den Geiſt des Alterthums, der römiſchen und griechiſchen Geſchichte und einer ſelbſt nur oberflächlichen Kenntniß der Literatur gehört außerordentlich viel mehr, als das Gymnaſium zumal unter den jetzigen Zeitverhältniſſen zu leiſten vermag. Die Kenntniß


