die, wenngleich nach ihrem Inhalte phantastisch und märchenhaft, dennoch nicht selten G edanken von ewiger Wahrheit zum Ausdruck bringen. Denn immer wieder predigen jene humorvollen Szenen und Gespräche, in denen mit Vorliebe die Oyniker Menippus und es als vufenen Verfechter der absoluten Bedürfnislosigkeit und Selbstgenügsamkeit ad B Wort führen, scharf und eindringlich die bittere Wahrheit, daß im Reiche der Schatte alle Unter- schiede zwischen reich und arm, hoch und niedrig aufhören, daß nur ein reines und freies Gemüt seinen Wert behält, und daß jeder einzelne aus dem Munde eines unbestechlichen Richters sein Urteil empfangen wird. Wem fielen hier nicht unwillkürlich die Worte des 1. Timotheusbriefes (e. 6 v. 7) ein:“Wir haben nichts in die Welt gebracht, darum offenbar ist, wir werden auch nichts hinausbringen’, oder wer gedächte nicht der mahnenden Stimme des großen Heidenapostels (2. Cor. e. 5 v. 10):‘Wir müssen alle offenbar werden vor dem Richterstuhle Christi, auf daß ein jeglicher empfange, nachdem er gehandelt hat bei Leibes Leben, es sei gut oder böse!’
Inwiefern nun diese Totengespräche, die erst Lucian zu einer besonderen literarischen Gattung erhoben hat, namentlich in der Zeit der Renaissance-Schule gemacht haben, davon, zum'Deil im Anschluß von Rentsch’ Untersuchungen, einige Beispiele!
Schon Reuchlin übersetzte 1495 das 12. der lucianischen Totengespräche, den bekannten Feldherrnstreit ins Lateinische, um es sodann dem Herzog Eberhard von Württemberg zu widmen, und Hans Sachs, dem wahrscheinlich eine bei Vitus Buerler in Leipzig 1516 erschienene Über- setzung lucianischer Dialoge vorlag, modelte das 10. Totengespräch, das sogen."orapiöıov oder Schifflein’, in dem die Philosophen und'yrannen arg mitgenommen werden, zu einer Tragödie in Knittelversen um, die freilich recht burleske Züge aufweist; darin sagt der Herold, der Sprecher des Prologs:
‘Wir kom, ein tragedi zu halten, die hat gemachet bei den alten Lucianus, der große Poöt, kriechisch er die beschreiben tet, und wird genannt‘Skaphidion’ und sagt von einem, heißt Charon.’
Etwa um dieselbe Zeit nalım der Elsässer Ringmann das interessante Problem des Feldherrnstreites wieder auf, fügte aber seiner deutschen Übersetzung die Bemerkung hinzu, das Urteil des Totenrichters würde ganz anders ausgefallen sein, wenn Julius Caesar als einer der Mitwerber erschienen wäre.
Indessen auch andere Schriften des griechischen Satirikers traten alsbald in den Gesichts- kreis der deutschen Humanisten. Während der Augsburger Patrizier K. Peutinger seine lehr- reiche Abhandlung“über die Geschichtschreibung’(r®s dei ioroplav svyypdgeıv) übersetzte, er- warb sein großer Geistesverwandter W. Pirckheimer in Nürnberg sogar eine eingehende Kennt- nis der Werke des ihm interessanten Hellenisten. Hat er doch in seinem“Eceius dedolatus’, im ‘abgehobelten Eck’, vorwiegend Lucians humorvolle Prozeßverhandlung‘der doppelt Angeklagte’ (Öts narnyopoduevos) und in seiner Lobrede auf das Podagra, welche die Gicht vor einem fingierten Richterkollegium hält, die unter seinem Namen gehende, in fünffüßigen Jamben ab- gefaßte Dichtung"rpaywöorodaypa’, deren Zweck es ist, die Allgewalt dieser bösartigen Krankheit über Götter und Menschen zu erweisen, sich zum Muster genommen. Namentlich in der erstgenannten Satire Pirckheimers ist die Einwirkung lueianischen Geistes offenkundig. Denn wie die marktschreierischen Rhetoren und die aufgeblasenen Afterphilosophen Lucians in der Unterwelt eine recht unsanfte Behandlung erfahren und nach einer eigenartigen Vorstellung des Satirikers aller Gewandung bar die Flecken des Körpers wie der Seele dem prüfenden Auge


