Aufsatz 
Lucian in der Literatur und Kunst der Renaissance / von Paul Schulze
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der Zug ist dem Lueian entlehnt, wie die Schmeichler, deren Namen Gnatonide, Filade, Demea und Trasicle genau dem griechischen Original entsprechen, auf die Kunde von Timons neuem

Glück herbeieilen ebenso derb wie sarkastisch von ihm zurückgestoßen werden. Mit den Worten des letzten Schmarotzers:Wirf nicht mehr, wir gehen ja von selbst, und der Drohung

"'imons:Ihr sollt mir wenigstens blutige Köpfe nach Hause bringen, schließt Lucian seine gegen den Unfug des Parasitentums gerichtete Satire. Nur in einem wich der Italiener von seinem antiken Vorbilde ab, indem er entsprechend dem Charakter der Tragikomödie denn als eine solehe ist mit Klein Bojardos Drama richtiger zu bezeichnen dem Ganzen einen versöhnenden Abschluß gab und im V. Akte den'Timon, der innerlich in etwas geläutert und seiner eigenen Verschuldung sich bewußt geworden ist, zu dem Entschlusse kommen läßt, für immer auf den Reichtum zu verziehten und ohne Kränkung anderer in Einsamkeit zu leben.

Auch die Humanisten des südlichen Italiens scheinen eine genaue Kenntnis lueianischer Schriften besessen zu haben. Wenigstens hat O. Waser in seiner mythologisch- archäologischen Monographie!*)Charon, Charos und Oharun, in welcher er das Auftreten des Totenfährmanns durch die gesamte antike wie mittelalterliche Literatur und Kunst von seinem ersten Erscheinen in der epischen Minyas, bei Euripides und Aristophanes, bis zu seinem letzten Auftauchen bei dem Byzantiner Nicetas Bugenianus verfolgt hat, mit Nachdruck darauf hingewiesen, daß die Persönlichkeit des gehaßten Fergen von dem Neapolitaner Rocco in seinemmito di Charonte nach lucianischem Muster behandelt wurde; ebenso hatder auch als Dichter gefeierte Staatsmann Giovanni Pontano( 1503), der Begründer der Akademie zu Neapel, den Charon in einer Anzahl lateinischer Gespräche mit Minos und Aeakos sich unterhalten: lassen'°) und ihn dabei gelegentlich als einengrande filosofo gepriesen, der bei der Überfahrt in das Totenreich selbst den weisen Aristoteles über den Unsterblichkeitsglauben befragt, wobei es dem Autor allerdings wesentlich darum zu tun ist, die Unwissenheit und Sittenlosigkeit der Kleriker zu geißeln.

Endlich wandelte auch Pandolfo Collenuccio, der erste italienische Übersetzer plautini- scher Komödien und jüngere Zeitgenosse Pontanos, der zumeist am Hofe der Sforza in Mailand wirkte, in seinen halb satirischen Dialogen in den Spuren Lucians.

Als dann später mit dem. Dahinsterben jener Kolonie gelehrter Flüchtlinge, die wie Joh. Aregyropulos, M. Musurus und die Familie der Laskaris nach dem Falle Konstantinopels in Italien eine zweite Heimat gefunden hatten, das Studium des Griechischen mehr und mehr verkümmerte, da war es, wie wiederum Jak. Burckhardt betont hat,!6) ein Glück für die Wissenschaft, dab inzwischen Nordländer wie Agrikola, Reuchlin und Erasmus, von Italien angeregt, sich eine gründ- liche Kenntnis dieser Sprache zu eigen gemacht hatten.\

Fes ist das Verdienst von Joh. Rentsch,?) in einer gehaltvollen Programmabhandlung, betitelt Tueianstudien, auf die zahlreichen Nachbildungen lucianischer Schriften in der dentschen und französischen Literatur hingewiesen zu haben. Den Ausgangspunkt der Untersuchung boten ihm namentlich die lucianischenPotengespräche und die ihnen inhalt- lich verwandten Schriften, die er treffend in"naraßaoeıg',Hinabfahrten zur Unterwelt(z. B. das Totenorakel, vervouavreia, und die Hadesfahrt des Tyrannen Megapenthes, xararAovs N- pavvos), in"avaßaoeıg,Aufstiege zur Oberwelt(z. B. Charon oder die Weltbeschauer, Xapwrv n Erriönomoövres), und inTotengespräche in engerem Sinne gegliedert hat. Diese letzteren, 3 an der Zahl, sind witzige Unterhaltungen mythischer oder historischer Personen in der Unterwelt,

14) Berlin, Weidmann 1898, 8. 19, 4952.

15) Vol. auch Jak. Burckhardt, Die Kultur der Renaiss. I, 8. 265, Anmerk. 1. 16) Vel. die Kultur der Renaiss. I,$. 212, und Exkurs 52 und 53, 8. 375 f, 17) Vgl. Anmerk. 8.