Aufsatz 
Lucian in der Literatur und Kunst der Renaissance / von Paul Schulze
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oßen Kirchenlehrer des 4. Jahrhunderts Gregor von Nazianz und des ; Libanius berühmter Schüler Johannes Chrysostomus, denen das Verständ- ‚Schönheit der griechischen Literatur noch nicht abhanden gekommen war, haben in den satirischen Dialogen Lucians, in welchen aristophanischer Witz mit sokratischer Ironie sich paarte, eine anziehende Lektüre gesehen; und wenn später auch ein Fanatiker wie Suidas) den Lucian als einen Verruchten und Lästerer schalt, dem man die ewigen Höllenstrafen anwünschen müsse, so haben doch andere byzantinische Gelehrte sich seine Schriften mehrfach zum Vorbilde für ihre Romane und Reisebeschreibungen gewählt. Das beweist schon die unter seinem Namen gehende, allerdings recht trockene SchriftPhilopatris, deren Entstehung von Gutschmid?) in das 7, Reinach in das 10. Jahrhundert setzte, sowie die um 1140'abgefaßte abenteuerliche Hadesfahrt des Timarion, welche, wie jüngst nachgewiesen,®) nichts anderes ist als eine schwächere Nachbildung von LuciansTotenorakel, der"Nenvonavreia. Auch Aretas, um 920 Erzbischof von Caesarea in Kappadocien, der als Verfasser eines Teiles der sogenannten Lucian- scholien gilt, hat unserm Schriftsteller eindringende Studien gewidmet.)|

Im Abendlande freilich blieb Lucian unbekannt, bis mit der beginnenden Renaissance in Italien auch seine Schriften wieder ans Tageslicht traten. Der erste, welcher neben Xenophon und Diodor auch Stücke aus Lucian übersetzte, war der gelehrte, besonders als Entdecker des Quintilian gefeierte Francesco Poggio(7 1459), dessen Interesse für den Satiriker Aurispa und Rinucci teilten. Hat doch Giovanni Aurispa(7 1458), der zuerst dem Lucian Heimatrecht in Italien erwarb, das 12. seiner Totengespräche, den berühmten Feldherrnstreit, ins Lateinische übertragen mit der einzigen Änderung, daß nicht, wie dort geschehen, dem Griechen Alexander, sondern dem Römer Scipio der erste Preis vom Totenrichter zuerkannt wird, während Rinucei 6 Dialoge Lucians, darunter denCharon und denI'yrannen lateinisch übersetzte. Allerdings ist die Kenntnis der griechischen Schriftsteller auch in Italien niemals so allgemein gewesen wie die der Lateiner der Grundsatz:Graeca sunt, non leguntur, blieb noch lange inkraft, und mit Recht hat Jakob Burckhardt darauf hingewiesen, daß selbst Gelehrte wie Aeneas Sylvius Piccolomini,der Normalmensch der Frührenaissance, in ihrer Begeisterung für die römische Literatur der griechischen Sprache geradezu abhold waren.) Daraus ist erklärlich, daß die -bereits in der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts erschienene Übersetzung lueianischer Schriften von Guarino da Verona wenig Verbreitung fand.

Um so interessanter ist es, dab aus dem Gelehrtenkreise, der seit dem 15. Jahrhundert am Hofe der Este in Ferrara sich sammelte, ein DramaTimone hervorging, gedichtet von Matteo Bojardo(7 1494), dem Vorgänger Ariosts. Die Bearbeitung desselben als Lustspiel in Verzinen schließt sich stofflich eng an Lucians Satire"Tluov 7) ıodvSpwrzog an. Für die Charakteristik des bekannten Menschenfeindes, der uns durch Shakespeares DramaTimon von Athen wieder vertraut geworden ist, hatte Lucian zahlreiche Einzelzüge den Dichtern der älteren und mittleren attischen Komödie, besonders dem Phrynichus und Antiphanes, entlehnt.!!) Die

6) Vgl. Lexic. Suid,, ed. Bernhardy, 8. 602 u. Scholia ad Lucianum, ed. Jacobitz IV, 8. 247:°& wuage xal ürddaore, aAldroıs ds Cons zal ufroge ıjs alwviov xoAdosws.£

?) Vgl. Kleine Schriften V, 8. 534; desgl. Krumbacher, Byzantinische Literaturgeschichte,$ 91.

8) Vgl. Joh. Rentsch, Lucianstudien, Plauen i. V. 1895, S. 211.

9) Eine jüngst erschienene Schrift von H. Rabe:Die Lucianstudien des Aretas ist mir leider nicht erreichbar gewesen.

10) Vgl. J. Burckhardt, Die Kultur der Renaissance in Italien IT, 8. 20.

11) Vgl. meine Inauguraldissertation:Quae ratio intercedat inter Lucianum et comicos Graecorum poetas, Berlin 1883, 8. 27,