Aufsatz 
Lucian in der Literatur und Kunst der Renaissance / von Paul Schulze
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wissen prunkenden oder wegen ihres Lebenswandels verächtlichen Nachtretern. Wie er, von den geringen Wert der theoretischen Spekulation überzeugt, schon imHermotimus die Ansicht ver- ficht, daß alle Philosophenschulenum den Schatten des Esels(zepı Ovon Onıds) streiten, so lehnt er imGastmahl(ec. 34) grundsätzlich jede wissenschaftliche Pt... b,2) wenn sie keine sittliche Veredelung zur Folge hat. Mit derselben Schärfe hat er aber auch, namentlich in denGöttergesprächen, denTotengesprächen und demTotenorakel, den längst überlebten Mythenglaubenund die traditionelle Vergötterung von Menschen und Heroen bekämpft und in seinemüberführten undtragischen ‚Juppiter"(Zeds&Aeyyöuevos Zeds rpaya@öos), den herbsten Invektiven, die jemals gegen den antiken Polytheismus und die denselben noch stützende Lehre der Stoa geschrieben sind, die Unhaltbarkeit des alten Götterglaubens mit einer Unerbittlichkeit und Offenheit dargelegt, daß man ihn mit Recht als den größten Vertreter der Aufklärung seiner Zeit und als den Schriftsteller bezeichnen darf, der die Götterwelt der Griechen und Römer für immer von ihrem Olymp herabgestürzt hat. Zu einer gerechten Würdigung des Evangeliums der Liebe und Brüderlichkeit aber hat sein durchaus skeptischer Sinn, der in den Öhristen arme Tröpfe und wunderliche Schwärmer sah?) und sie ohne weiteres auf eine Stufe mit den"&9eor, dien Gottesleugnern, stellte, sich in keiner Weise aufzuschwingen vermocht. Dagegen sind seine Schriften, die sich nicht nur mit Rhetorik und Geschichte, mit Philosophie und Kunst be- schäftigen, sondern ebenso das soziale Leben seiner Zeit in den Kreis der Betrachtung ziehen, nicht allein als Denkmäler eines für die nachklassische Zeit verhältnismäßig reinen Attizismus sprachlich und literarhistorisch interessant, sondern weit mehr noch als Kultur- und Sittengemälde. Einen klareren Einblick in das Leben und Treiben der hellenisierten Welt des 2. nachchrist- lichen Jahrhunderts mit all ihren Schwächen und Modekrankheiten hat kein anderer Schrift- steller jener Zeit gegeben. In ihm selbst aber ist der gelehrte Dilettantismus seines Jahrhunderts nicht in abstoßender Weise verkörpert; eine über das Durchschnittsmaß hinausgehende Belesenheit in den älteren Werken der griechischen Literatur, namentlich der Dichter, deren Studium er selbst imLexiphanes den Jünglingen warm empfohlen hat,*) ferner Anmut und Lebendigkeit der Sprache, ein nie versiegender Humor und eine selten reiche, fast schöpferische Phantasie in der Wahl und Behandlung seiner'T'hemata lassen uns bei ihm die Schattenseiten einer enzyklopädi- schen Bildung kaum empfinden. In der Rhetorik, Philosophie und Kunst war er mehr als ein gebildeter Laie.

So ist es denn kein Wunder, daß das Andenken des vielseitigen und vielgewandten Hellenisten der Nachwelt nicht verloren gegangen ist; ja, man darf unbedenklich behaupten: wenn irgend ein antiker Schriftsteller, so hat Lucian anregend und befruchtend auf die Literatur und Kunst der folgenden Jahrhunderte, insbesondere der Renaissance, gewirkt. Diese seine tiefgehende Bedeutung hat m. W. zuerst Prof. R. Förster in einer fein abgewogenen Rede zum Geburtstage S. M. Kaiser Wilhelms IL, Kiel 1886,°) voll gewürdigt; die dort gegebenen zumeist kurzen Andeutungen und Anregungen weiter zu verfolgen und die Ergebnisse der Forschung auf diesem Gebiete unter Verwertung der ein- schlägigen neueren Literatur zu ergänzen und zusammenzufassen, ist die Aufgabe der folgenden

Betrachtungen.

2)"os oböEv üoa Öpekos ıjv Enioraodaı ra uadjuara, si gu) wıs zal 1ov Blov Bvdulloı moos 1o Behr.

>) Vgl. de Peregr. mort. c. 11, Alex. ec. 25, 38.

4) Vgl. Lexiph. c. 24:ao&ausvos dno r@v Golorwv nomrüv zal bad dudaordioıs abrobs drayvods usrıdı Ertl roüg ÖTOOUg.... noAla zal an xaa zwumölı zul Ty 08m] Toaypdia Syyeyvınaouvos.

5) Erschienen in der Kieler Universitätsbuchhandlung(P, Töche) 1886,